This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project
to make the world's books discoverable online.
It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover.
Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the
publisher to a library and finally to you.
Usage guidelines
Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying.
We also ask that you:
+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for
personal, non-commercial purposes.
+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the
use of public domain materials for these purposes and may be able to help.
+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it.
+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe.
About Google Book Search
Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web
at |http : //books . google . com/
über dieses Buch
Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde.
Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch,
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist.
Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin-
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat.
Nutzungsrichtlinien
Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch
kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen.
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien:
+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden.
+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen
unter Umständen helfen.
+ Beibehaltung von Google -Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht.
+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein,
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben.
Über Google Buchsuche
Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen.
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter http : //books . google . com durchsuchen.
UC-NRUF
r\v^4^rf*''^
$B b3 235
>^?
^^.'^J^f^' <
StPr
ffri^--
t^v
in
o
W'
FROM -THE- LIBRARY- OF -
-OTTO -BREMER-
DIE VOCALE
DER
LIPPISCHEN MUNDART.
VON
m E. HOFFMANN.
HANNOVER
HELWINGSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
(Tb. HIEBZINSKY, KGL. HOFBÜCHHÄNDLEB)
1887.
'YFf?^"!
rtL,
^
^■e-AA-^ew^
• • • •• ,
-------- - «
• • • • r . •• • • ••
Inhalt
Seite
Einleitung. Transscriptionssystem far die lippischen Confionanten. ....... 1
Die Vocale der lippischen Mundart. § 1—125.
I. Theil. Bildung und Aussprache der lippischen Vocale und Diphthonge. § 1 — 12 6
II. Theil. Übersicht des lippischen Vocalsysteines auf Grundlage de^ as. Vocal-
sy Sternes. § 13 — 43.
A. Die Vocale der betonten Silben. § 13 — 34.
I. Die den as. Kürzen entsprechenden lippischen Laute. § 13— 22 . 14
II. Die den as. Längen entsprechenden lippischen Laute. § 23 — 30 . 21
m. Die den as. Diphthongen entsprechenden lippischen Laute. § 31 — 34 27
B. Die Vocale der unbetonten Silben. § 34 — 43.
I. Die den as. Kürzen entsprechenden lippischen Laute. § 35 — 40 . 29
IL Die den as. Längen entsprechenden lippischen Laute. § 41 — 43 . 30
IIL Theil. Allgemeine vocalische Erscheinungen. § 44 — 125.
A. Vocalische Erscheinungen in betonten Silben. § 44 — 111.
I. ümlautserscheinungen. § 44 — ^65 30
n. Brechung. §66—67 38
IIL Wechsel von e und ». § 68—70 ; . 40
IV. Wechsel von o und m. § 71—72 42
V. Verkürzung. § 73—86 44
VI. Dehnung. § 87—97 49
1. Dehnung in offenen Silben. § 87—90.
2. Dehnung in geschlossenen Silben. § 91 — ^92.
3. Dehnung vor r. § 93—97.
Vn. Ersatzdehnung. § 98—99 56
Vni. Diphthongirung betonter Vocale im Auslaute. § 100 57
IX. Durch Vocalisirung von Consonanten entstandene Diphthonge. § 101 57
X. Vertauschung der Diphthonge und Doppelformen. § 102 58
Anhang. Verhältnis der lippischen organischen Längen und Diphthonge zu
den as. Längen und Diphthongen. § 103 — 111 . . . . ^ 59
B. Vocalische Erscheinungen in unbetonten Silben. § 112—125.
I. Verkürzung, Abschwächung und Syncope der Vocale in Stammsilben,
die durch Composition zu Nebensilben geworden sind. § 112—117 64
IL Verkürzung, Abschwächung und Syncope der Vocale in Ableitungs-
silben. § 118—122 66
IIL Abschwächung und Syncope der Vocale in Flexionssilben. § 123—124 68
rV. Ausstossung und Beibehaltung der Vocale in zwei auf einander fol-
genden unbetonten SUben. § 125 68
M44922
Litteratnr.
SiEYEBS, Gbrundzüge der Phonetik. Leipzig 1885.
YiETOR, Elemente der Phonetik und Orthoepie des Deutschen, Englischen und
Französischen etc. Heilbronn 1884.
WlNTELER, Die Kerenzer Mundart. Leipzig und Heidelberg 1876.
Danneil, Wörterbuch der altmärk. plattdeutschen Mundart. Salzwedel 1859.
DiEFENBACH Und WÜLCKEB, Hoch- und niederdeutsches Wörterbuch der mittleren
und neueren Zeit etc. Frankfurt 1874.
FmMENiCH, Germaniens Völkerstimmen. Berlin 1843— 64.
Fbommann, Die deutschen Mundarten.
GiESE, Mönstersk Stillliäwen. Münster 1881.
Grimme, 1) Galantryi-Waar. Münster 1884.
2) Schwanke und Gedichte in sauerlfindischer Mundart Paderborn 1878.
Jellinghaus, 1] Westföl. Grammatik. Laute und Flexionen der Eavensberger Mund-
art. Norden 1885.
2) Zur Einteilung der niederdeutschen Mundarten. Kiel 1884.
Krüger, Übersicht der heutigen und plattdeutschen Sprache (besonders in Emden].
Emden 1843.
Lyra, Plattdeutsche Briefe etc. Osnabrück 1856.
Nerqer, Granmiatik des Mecklenburger Dialectes. Leipzig 1869.
Niu lustert moll Plattdeutsche Erzählungen im Paderborner Dialect. Celle und
Leipzig 1877.
Oesterhaus, Juse Platt Detmold 1882.
Kadlof, 1] Mustersaal aller teutschen Mundarten. Bonn 1821.
2) Die Sprachen der Germanen etc. Frankfurt am Main 1817.
Eichet, tdioticon Hamburgense. Hamburg 1855.
Schambach, Götting.-Grubenh. Wörterbuch. Hannover 1858.
Schiller und Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch. Bonn 1875.
Seelmann, Gerhard von Minden. Norden und Leipzig 1882.
Strodtmann, Idioticon Osnabrugense. Leipzig und Altenburg 1756.
Stürenburg, Ostfriesisches Wörterbuch. Aurich 1S62.
WoESTE, Wörterbuch der westfälischen Mundart Norden und Leipzig 1882.
ZuMBROOCE, Poetische Versuche in westfälischer Mundart Münster 18S3.
Einleitung.
Transscriptlonssysteni f&r die lippisehen Consonanten.
JJa die vorliegende Abhandlung nur eine Besprechung der Vocale
und Diphthonge der lippischen Mundart bringen soll, so schicken wir
die nöthigen Angaben über Bildung und Aussprache der lippischen
Consonanten voraus. Bei der Behandlung derselben legen wir Sievers'
Phonetik zu gründe, und soweit es die Uebereinstimmimg der betreffenden
Laute und practische Rücksichten erlauben, benutzen wir auch das von
ihm angewandte Transscriptionssystem.
Tabelle der lippischen Consonanten.
Lippenlaute
Zungengaumenlaute
Faucallaute
"3r
1
i'
Coronale
Dorsale
II
i\
'S
1
¥
^ O /Explosiv- /stimmlos
g^gj laute \stimmhaft
o g| Spiran- /stimmlos
tfl ten \stimmhaft
1
*
f
w
8
Z
t
d
S
X
J
k
6
'
l||
I'g'/Nasale
g'^'^Liquidae
m
n
l
n
r
L Oeräuschlaute.
A. Explosivlaute.
1. Labiale.
a) Mit p bezeichnen wir den bilabialea stimmlosen Verschluss-
laut der lippischen Mundart. Derselbe ist auch vor betontem Vocale
im Anlaute ohne nachklingende Aspiration. Beispiele: pat, m. Fuss-
weg; 'apan, m. Bissen; top, m. Flöckchen Wolle, Garn etc.
Vocale der lipp. Mundart. 4
2 Einleitung.
b) Bei der Bildung des stimmhaften bilabialen Verschlusslaiites b
findet nur eine äusserst schwache Explosion .4»*att, so dass h sich im
Klange .Aahe mi^ yier stimmhaften bilabialen Spirans * berührt fvgl. I,
B, 1, dj. •'Beispiele: •5<39e/>i, v. Bein; hoike, f. Buche; tüihb^r, m. (wörtlich:
ZeidelbäT):*Be^tqlinu?ig-.eiiies groben, unhöflichen Menschen.
''""l'Üenlale.
Von dentalen Explosivlauten besitzt das Lippische das stimmlose t
und das stimmhafte d. Der Verschluss zur Aussprache derselben wird
an der unteren Fläche der Alveolen gebildet; beide sind Laute von
durchaus coronaler (nicht dorsaler) Articulation (vgl. Sievers, Phon. S. 118).
t ist reine, nicht aspirirte Tenuis. Beispiele: tefjar, adj. munter, lebhaft;
sitarij stv. sitzen; &aut, m. Schoss; braut j n. Brot.
d^uk, m. Tuch; dat^kj m. Dank; mida, f. Mitte.
3. Gutturale.
Der stimmlose gutturale Verschlusslaut, den wir mit k bezeichnen,
wird praeguttural gebildet, da bei der Aussprache desselben der Zungen-
TÜcken gegen die vordere Fläche des weichen Gaumens articulirt. Es
ist der Laut, welchen Sievers mit k^ bezeichnet. Die Verschiebung
nach vorn, welche k vor palatalen Vocalen erleidet, ist unbedeutend.
Aspiration erscheint ebenso wenig bei k wie bei p und t. Beispiele:
kault, adj. kalt; farsekan, swv. in Abrede stellen; wakar, adj. schön; dakj
n. Dach.
Aniii* Einen stimmhaften gutturalen Verschlusslaut besitzt die lippische Mund-
art nicht.
B. Spiranten«
1. Labiale.
a) Die stimmlose Spirans der lippischen Mundart, welche wir mit
f bezeichnen, ist stets ein labiodentaler Laut. Bei der Bildung der-
selben wird die Unterlippe unter den Rand der Oberzähne geschoben,
der durch diesen Verschluss getriebene Luftstrom trifft gegen die Ober-
lippe und verursacht dadurch den zischenden Klang, welcher aufhört,
sowie man die Oberlippe in die Höhe hebt. Beispiele: fasta, adv.
fest; rüfaln, swv. jem. schelten; st^eufj adj. schief; Iceufj adj. lieb.
b) Wird die Mundstellung des lippischen / beibehalten, aber zu-
gleich ein Stimmton im Kehlkopfe erzeugt, so entsteht die stimmhafte
Spirans w. Auf den Klang derselben hat Hebung oder Senkung der
Oberlippe keinen Einfluss. Beispiele: wex, m. Weg; welixy adj. munter;
truwauj swv. trauen.
c) Neben der labiodentalen Spirans w besitzt die lippische Mundart
noch jdie stimmhafte Labialspirans 5. Dieselbe ist ein bilabialer Laut,
die Lippen sind in den Winkeln fest geschlossen, in der Mitte liegen
sie nur lose auf einander. Der durch diese Spalte hindurchgeführte
Transscriptionssystem für die lippischen Consonanten. 3
Luftstrom bringt das Reibegeräusch des * hervor. Beispiele: but^Uy
4SWV. bauen; git9r, n. Ufer; diub9, f. Taube.
2. Die Zischlaute.
Die Zischlaute der lippischen Mundart sind das stimmlose Sy s, H
und das stimmhafte z.
a) Bei der Aussprache des lippischen 8 wird die Enge durch den
äussersten Zungensaum, nicht durch das Zungenblatt, hergestellt (vgl. Sib-
TERs, Phon. S. 58). Die Spitze der Zunge legt sich fest an die Hinterwand
der oberen Zahnreihe, während durch eine in der Mittellinie der Zunge
gebildete Rinne der Luftstrom gegen die Oberzähne getrieben wird.
Beispiele; s<BU9n^ stv. sehen; wesan, swv. mit Wachs einreiben; 'ft^, n.
Haus; laus, adj. los.
b) s hat schärferen Klang als «; seine Enge wird mit der Zungen-
spitze am unteren Rande der Alveolen gebildet. Beispiele: x^^h 3«^^.
ganz; danSj m. Tanz; daman, swv. tanzen.
c) Mit s bezeichnen wir einen durchaus einheitlichen Laut der
lippischen Mundart. Um i auszusprechen, hebt man unter Beibehaltung
der Zungenrinne die Zungenspitze bis zur oberen Fläche der Alveolen,
während zugleich die Lippen gerundet und vorgeschoben werden.
Einseitig gebildete i kommen im Lippischen nicht vor. Beispiele:
SoiUj adj. schön; i^u, m. Schuh; ras9n, swv. aufgehen (vom Teige
gesagt).
Statt des i-Lautes, wie wir ihn soeben geschildert haben, kann in
der lippischen Mundart auch eine Aussprache eintreten, bei welcher
man zuerst $ und dann ein praepalatales x (s- w. u.) vernimmt.
Haben wir die erstere Aussprache als eine einheitliche bezeichnet,
so könnnen wir diese eine successive nennen (vgl. Brücke's »zusammen-
gesetzten Consonanten ««, Sievers, Phon. S. 124). Die Aussprache sx
(= s) ist indessen im Verschwinden begriffen, man hört sie fast nur
noch von älteren Leuten. Beispiele: sxoin, adj. schön; sx^u, m. Schuh;
^^ub, f. Schule.
d) z bezeichnet den stimmhaften Zischlaut der lippischen Mund-
art. Die Enge desselben wird zwischen Zungenspitze und der Hinter-
wand der oberen Zahnreihe gebildet, an derselben Stelle wie die
des 8. Beispiele: bizanj swv. wild umher rennen; sizen, swv. zischen,
isummen; l^zan, stv. lesen; w^zan, part. praet. gewesen.
3. Die palatalen Laute.
a) Die stimmlose Palatalspirans der lippischen Mundart, Xi ist der
gleiche Laut, welchen Sibvers mit x^ bezeichnet. Man bildet das
lippische %, indem man den mittleren Zungenrücken nach der vorderen
Fläche des harten Gaumens emporzieht: x lässt sich demnach als ein
praepalataler Laut bezeichnen. Bei det Aussprache des x werden die
Lippen nach den Seiten gezogen. Beispiele: x^^^j adj. gut; x^^^j f
1*
4 Einleitung.
Gans; '^exopexdn^ swv. rasch und heftig athmen; %mii%dln^ swv. still
vor sich hin lachen; we%, m. Weg; e%^ n. Ei; twe%^ adj. entzwei.
b) Die dem % entsprechende und mit gleicher Articulation ge-
bildete stimmhafte Palatalspirans bezeichnen wir mit j, Beispiele:
jumerj adv. immer; j'urik, adj. jung; brüj'e^ f. Brücke; dr^m, stv.
tragen.
4. Die gutturalen Laute.
a) X (SiEVERS z^)y die stimmlose Gutturalspirans der lippischen
Mundart, wird an der zwischeti Zungenrücken und weichem Gaumen
hergestellten Enge gebildet, x ist härter als %} ^^^ f^^i ^^^ jedem
kratzenden Nebengeräusche. Beispiele: laxdn^ swv. lachen; kaxdl^ L
Kachel; naxt, f. Nacht; dox, adv. dennoch, trotzdem; ß^tix^ m. Flug.
b) Die stimmhafte Gutturalspirans 5 (Sievers 5^) hat ganz gleiche
Articulation wie x. Beispiele: wä'^on, m. Wagen; iQ'^on, part. praet.
gelogen; ^y/ja/, m. Vogel..
Eine bei den lippischen Gutturalspiranten x und 5 zu beachtende
Erscheinung ist ihre nahe lautliche Berührung mit dem uvularen r
(vgl. II, A, 2). Nach dem Vocale a hört man statt eines organischen 5
auch r und statt eines organischen x auch ein stimmloses r, welche*
wir mit f bezeichnen. (Für organisches r tritt dagegen niemals 5 oder
x ein.) Wörter, bei denen durch den angegebenen Lautwandel Doppel-
formen entstehen, sind z. B. wa/^Bn und teuren j m. Wagen; 'äj^w und
'är9n, m. Hecke; nä^al und mr9l, m. Nagel. .
naxt und na/-t, f. Nacht; axt97* und artdr, praep. hinter; slaxten
und klairt9n, swv. schlachten.
Diese Erscheinung erklärt sich einmal daraus, dass die Articu-
lationsstelle bei a, r, 5, a; ganz die gleiche ist. Unterbleibt nun nach
der Bildung eines a (vgl. § 2,*) eine höhere Hebung des Zungen-
rückens, so ist die Enge zur Bildung eines Reibegeräusches zu weit,
dagegen hat das Zäpfchen Raum, um in der gewöhnlichen reducirten
Weise zu schwingen und ein r, resp. r zu bilden.
(Vgl. über diese Lauterscheinung Sievers, Phon. S. 170 fF.)
5. Hauchlaute.
Mit dem Häkchen ' bezeichnen wir (nach Sibvers^ System) dea
Hauchlaut, welcher vor Vocalen entsteht, wenn kräftige Expiration
eintritt, ohne dass die Stimmbänder sofort zum Tönen ansetzen: 'äwa^
m. Hahn; '^unt, m. Hund.
II. Sonorlaute.
A. Liquidae.
1. Die Liquida l der Hppischen Mundart wird gebildet, indem
man bei spaltföriniger Mundöffnung die Zungenspitze gegen die AI-
Transscriptionssystem für die lippischen Consonanten. 5
veolen piesst. Die Enge wiid nur durch den äussersten Zungensaum
gebildet, der vordere Zungenkörper bleibt soviel wie möglich gesenkt,
so dass ein grosser Hohlraum im Vordermunde entsteht. Beispiele:
lau^ n. abgesondertes Gehölz, Hain; liupons^ adv. unversehens; föUn,
TL. Füllen; mul^ adj. weich.
(lieber weitere auf lipp. /bezügliche Angaben vgl. § 57 und § 66.)
2. Das r der lippischen Mundart ist das sogenannte uvulare, resp.
gutturale r. Bei der Bildung desselben hebt sich der Zungenrücken
aum weichen Gaumen, bildet aber dabei in der Mitte eine Rinne, in
der nun das Zäpfchen frei schwingen kann. Die Schwingungen des
Zäpfchen erfolgen bei der Bildung des lippischen r nur in sehr redu-
cirter Weise. Als Stellvertreter eines organischen x wird im Lippischen
auch ein stimmloses r gebildet, welches wir mit r bezeichnen (vgl. I,
B, 4, b). Die Lippenarticulation bei der Bildung des Uvularen r be-
steht in Rundung, die auch mit beschränkter Vorstülpung verbunden
sein kann (vgl. § 58). Beispiele: raut^ adj. roth; ro^fe, f. Rübe; wäran^
swv. etwas aufbewahren; m^re, f. Mähre.
Wenn r oder r + Consonant sich im Auslaute findet, so wird
vor dem r in der Regel ein blosser Stimmton gebildet, der ganz un-
bestimmt im Klange ist und nur je von dem vorhergehenden Vocale
€twas modificirt wird. Wir bezeichnen diesen Stimmton durch * vor
dem r (r). (Vgl. Vietor, Elem. der Phon. S. 68 ff.)
Beispiele: nä'r, m. Narr; wor^ adj. wahr; ;f^r;2, adv. gern (s. weitere
Ausführung und andere Beispiele § 93 — 97).
(Ueber andere auf lipp. r bezügliche Angaben vgl. § 55, § 58,
§ 65).
B. Nasallaute.
Bei den Nasallauten dient ausser der Mundhöhle auch die Nasen-
höhle als Resonanzraum. Je nachdem der Mundraum abgesperrt wird,
entstehen die drei Arten der Nasallaute, welche die lippische Mundart
kennt: bei bilabialem Verschlusse m, bei alveolarem n, bei gutturalem sj.
Die Vocale der lippischen Mundart.
I. Theil. Bildung und Aussprache der lippischen Vocale
und Diphthonge.
§ !• Wir geben zunächst eine tabellarische Uebersicht der in der
lippischen Mundart vorkommenden Vocale, indem wir dieselben im
Anschluss an Bellas System (vgl. Sievbrs, Phon. S. 90 fF.) nach Arti-
culationsreihen ordnen. Wenn sich im Lippischen von einer Vocal-
species ein offener und geschlossener Laut findet, so verwenden wir
zur Bezeichnung des letzteren einen unter denselben gesetzten Punkt;
Länge eines Vocals bezeichnen wir durch einen über demselben an-
gebrachten Strich. Die in den folgenden Tabellen in Klammern ein-
geschlossenen Lautzeichen sind die den lippischen entsprechenden
Vocale der SiEVERs'schen Tabelle. Wir fügen in die einzelnen
Rubriken je ein der lippischen Mundart entnommenes Wort, in
welchem der betreffende Vocal erscheint.
L Ohne Lippenarticulation.
Horizontale
ZTingen-
stoUnng.
Gutturale
Guttural-Palatale
Palatale
Geschlossen
Offen
Geschlossen
Offen
Geschlossen
Offen
<
r
biz9 (Bremse)
1
3
1
«, ä (a2)
blat (Blatt)
8äZ9 (Säge)
9 {ei)
bide (Bitte)
e,e(c2)
mel (Mehl)
brejdn (Ge-
hirn)
1
1
■8
st€eun (Stein)
I. Theil. Bildung und Aussprache der lippisohen Vocale und Diphthonge.
IL Mit Lippenarticulation.
1. Spaltfdrmige Aasdehnung der Lippen.
Horizontale
Znngen-
stellnng
Gutturale
Guttural-Palatale
Palatale
Geschlossen
Offen
Geschlossen
Offen
Geschlossen
Offen
1
1
1
wT*a; (Nebel)
J2-
ES
OD
1
i
lez9n (lesen)
3
i
2. Bandnng der Lippen.
Horizontale
Znngen-
stellnng
Gutturale
Guttural-Palatale
Palatale
Geschlossen
Offen
Geschlossen
Offen
Geschlossen
Offen
t.
%
E
i
W (U2)
MJwfo (Wolle)
um
yS;W(Vögel)
1»
(02;
*ofo^9r (Ran-
zen)
? (ö-i)
ö*d (Höfe)
Ä(ä2,
mU89 (Mütze)
El
ö (ö2)
Jröya (Brühe)
8
Die Vocale der lippischen Mundart.
3. Bundnng und VorBtftlpimg der Lippen.
Horizontale
Zungen-
stellnng
Gutturale
Guttural-Palatale
Palatale
Geschlossen
Offen
Geschlossen
Offen
Geschlossen
Offen
|.
t
/V5^^( Vogel)
•
1
1:
1
9 (Ol)
Iq9 (Flamme)
(93
§ 2. Im Anschluss an die aufgestellten Tabellen besprechen wir
zuerst diejenigen Vocale, welche ohne Lippenthätigkeit, oder wie
Sievers (Phon. S. 16) es bezeichnet, mit »passiver« Lippenbewegung
gebildet werden. Solche Laute sind das lippische a, ä, 9, ae, «, e, e
(Tabelle I). Bei der Aussprache derselben wird der Unterkiefer so
weit gesenkt, dass eine ovale Mundöffnung entsteht, die nicht im
geringsten verändert wird, wenn man die betreffenden Vocale un-
mittelbar nach einander spricht. Die Verschiedenheit des Klanges
beruht also lediglich auf verschiedener Zungenarticulation.
1. a ist stets, einerlei ob kurz oder lang, ein reiner, offener Laut
(niemals nach ä hin gefärbt wie im Hannoverschen). Bei der Bildung
desselben wird der Zungenrücken bis etwa zur wagerechten Mittel-
linie nach dem weichen Gaumen hin erhoben. Werden während der
Aussprache des lippischen a die Lippen gerundet und vorgestülpt, so
entsteht ein geschlossenes o. Beispiele des kurzen und langen
lippischen a: spakj m. Stockflecken; maten, f. MüUermetze; ^apix^
adj. gierig.
kätal, m. Schnabel; bräk9ny m. abgehauener Ast mit Zweigen;
äly n. steil aufsteigender Hohlweg.
2. Mit a bezeichnen wir den Laut der tonlosen Nebensilben.
ViBTOR (Elem. d. Phon. etc. S. 67) konstatirt für denselben eine
doppelte Zungenhebung, eine gutturale und eine palatale mit einer
Senkung in der Mitte. Das lippische a wird nicht so, sondern stets
nur mit einer Hebung und zwar des mittleren Zungenrückens etwa
nach der Grenze des harten und weichen Gaumens hin gebildet
I. Theil. Bildung und Aussprache der lippischen Vocale und Diphthonge. 9
(vgl. SiBVERS, Phon. S. 91 ff.). Beispiele: x^^^i f- Grabe; *^^ma/, m.
Himmel; mäk9t macht.
3. Wild der mittlere Zuugenrücken, welcher bei der Bildung
des 9 bis zur wagerechten Mittellinie gehoben war^ mehr gesenkt^ do
entsteht das lippische €&, ganz der gleiche Laut, den Engländer in dem
Worte »birda sprechen, cb kommt in der lippischen Mundart niemals
allein vor, sondern stets nur in Verbindung mit u als Diphthong eeu
(s. Beispiele unter den Diphthongen).
4. Die beiden noch übrigen Laute, welche zu dieser Klasse
gehören, sind offenes i und offenes e. Bei der Bildung des offe-
nen i wird die vordere Fläche der Zunge (nicht die Spitze, welche
vielmehr nach unten gebogen ist) der Vorderfläche des harten Gaumens
genähert und so eine den Stimmton modificirende Enge hergestellt.
Um aus diesem offenen i das offene e zu bilden, genügt nicht eine
blosse Senkung der vorderen Zungenfläche, sondern die Enge muss
zugleich etwas weiter nach rückwärts verlegt werden. Ofienes i er-
scheint in der lippischen Mundart nur als Kürze, offenes e als Kürze
und Länge. Beispiele: kifa, f. Hütte; priL m. Hagel; x^i^, f. die
kleine Pustel.
kreka, f. Drehriegel; sep^ n, Sumpf; "^elft, n. Stiel am Beile etc.
hrejdrij m. Gehirn; bler9n, swv. weinen (e im Diphthong du
Tgl. § 9). ' ■
§ 3. Bei der zweiten Hauptgruppe der lippischen Vocale finden
active Lippenbewegungen statt, welche den Klang der betreffenden
Vocale sehr wesentlich modificiren. Diese Lippenbewegnngen be-
stehen 1. in spaltförmiger Ausdehnung, 2. in Rundung, 3. in Rundung
mit Vorstülpung verbunden.
1. Die Vocale, welche mit spaltförmiger Ausdehnung der Lip-
pen gebildet werden, sind das geschlossene f und ? (Tabelle H, 1).
Die Engen derselben liegen an den gleichen Stellen wie die des
offenen i und ^, die Möglichkeit, eine Verschiebung der Articulations-
stelle als Ursache des veränderten Klanges anzunehmen, ist also von
vornherein ausgeschlossen. Spricht man ein lippisches offenes und ge-
schlossenes i nach einander mit Aufmerksamkeit auf den articulirenden
Zungentheil, so bemerkt man, dass derselbe bei der Bildung des
offenen i schlaff, gleichsam passiv ist, während er bei der Aussprache
des geschlossenen t fest angespannt und zugleich höher gewölbt wird,
so dass die Enge nach dem harten Gtiumen hin kleiner ist als beim
offenen i. Eine gleiche Differenz in der Zungenspannung und
-Wölbung zeigt sich bei allen offenen und geschlossenen Lauten der
lippischen Mundart (vgl. Sibvers, Phon. S. 92). Ausser dieser Zungen-
spannung trägt aber auch die Lippenarticulation sehr wesentlich zur
Geschlossenheit des f und $ bei. Dadurch dass die spaltförmig ge-
10 Die Vocale der lippischen Mundart.
öffneten Lippen sich breit nach den Seiten ziehen^ wird der kleine
Resonanzraum der Palatalvocale im Vordermunde noch weiter be-
schränkt, was naturgemäss eine Verstärkung des specifischen Klanges
zur Folge haben muss (vgl. die Bildung des geschlossenen ü und ^, § 5).
In der lippischen Mundart erscheinen geschlossenes f und ^ als
Längen: If, n. die Bodensenkung; knjpsk, adj. schlau; btmany swv»
Holz am Feuer erhitzen und biegen.
Xn^zarij swv. grinsend lachen; x^^^^j f- Graisfuss, ?ra;^, f. Erde.
Anm« In der Gegend von Hom habe ich von älteren Leuten vor Nasal auch
ein geschlossenes kurzes e gehört, z. B. in den Wörtern df^ken, swy- denken; *^en9y
pl. Hände. Dieselben Leute sprachen dann auch in einzelnen Wörtern, wie z. B.
doxtar f. Tochter, p«^, m. Ochs, eiQ kurzes] geschlossenes o, während sonst das
kurze o der lippischen Mundart stets offen ist.
§ !♦ Auf der Tabelle II, 2 sind diejenigen lippischen Vocale ver-
zeichnet, welche mit gerundeter Lippenstellung gebildet werden. E&
sind die offenen Laute u, o, w, ö und die geschlossenen §, o. Bei
der Aussprache dieser Vocale sind die Mundwinkel geschlossen und
die Lippen so zusammengezogen, dass sich nur in der Mitte eine ovale
Oeffnung bildet. Diese Lippenstellung wird nicht im geringsten ver-
ändert, wenn man auf einander folgend w, o, t^, ö, §, o spricht, der
Unterschied im Klange beruht sonach ausschliesslich auf wechselnder
Zungenarticulation.
1. Wir besprechen zunächst u und o; beide sind Gutturallaute. Bei
der Bildung des u wird die ^anze Masse der Zunge nach hinten ge-
zogen und zum weichen Gaumen empor gehoben, so dass vorn im
Munde ein grosser Besonanzraum entsteht. Senkt man den Zungen-
rücken und verlegt man zugleich die Enge am weichen Gaumen etwas
weiter nach vorn, so entsteht das Uppische offene o. u wie o er-
scheinen nur als Kürzen:
^uxt, m. die buschige Pflanze; smuly m. der frischgekochte Hais-
und Bauchspeck ; wukan, m. ein grosser kräftiger Mensch ;
oten, f. Weste; pota, f. Frosch; modBr, m. Moder.
2. Die Laute des offenen ü und ö entstehen durch eine Ver-
bindung der Lippenarticulation der Gutturalvocale und der Zungen-
articulation der Palatalvocale. Für ü wird häufig die Zungenstellung
des i angenommen (vgl. Vietor, Elem. der Phon. S. 65), aber bei der
Aussprache des lippischen ü erhebt sich düe Vorderzunge nicht höher
wie beim e, also etwa bis zur wagerechten Mittellinie; bei der Aus-
sprache des ö bleibt sie noch unter dieser Mittellinie (vgl. Sibvers,
Phon. S, 99). ü und ö erscheinen in der lippischen Mundart nur als
Kürzen:
krüh^ f. die einzelne Erbse, wie sie aus der Schote genommen
wird; drüpen, m. Tropfen.
I. Theil. Bildung und Aussprache der lippischen Vocale und Diphthonge. 1 ]
öJdr, präp. über; jökal, m. das schlechte alte Pferd; möl^nj f.
Mühle.
3. Bei der Bildimg des geschlossenen lippischen ^ und S wird
die Lippenstellung des offenen U und ö unverändert beibehalten, da-
gegen wird die articulirende Vorderzunge bei der Aussprache der
geschlossenen Laute mehr gespannt, gewölbt und höher gehoben, so
dass die Engen verringert werden. Geschlossenes § und q hört man
in der lippischen Mxindart nur als Längen:
ilUreny swv. etwa^i auf der Erde nach sich ziehen; (sceu) iifjm (sie)
zögen; J§r^, f. Kissenbezug.
nphn, swv. etwas in träger Weise thun; XQrdns^ pl. Grärten.
§ 5. Die Engen des geschlossenen ü und q (Tabelle II, 3) liegen
am weichen Gaumen an der gleichen Stelle wie die des offenen u und o.
Neben der Anspannung und Wölbung der Zunge trägt besonders die
Lippenarticulation dazu bei, um diesen Lauten die dunkle Färbung zu
geben. Durch starke Bundung der Lippen erhält die Mundöffnung
die Form eines sehr kleinen Kreises ; zugleich wird durch Vorstülpung
der grosse Besonanzraum der Gutturalvocale im Vordermunde noch
erweitert und dadurch die specifische Färbung derselben erhöht (vgL
die Bildung des geschlossenen l und ^, § 3). Geschlossenes u und o
besitzt die lippische Mundart nur als Längen:
füj^ol^ m. Vogel, küm9n, stv. kommen; hütd^ f. Grabscheit;
stgbdn^ f. Stube; J^^, m. Bote.
§ 6. Aus diesen siebzehn Lauten besteht das lippische Vocal-
System. Wir haben bis jetzt bei der Anordnung derselben das Princip
der Articulationsweise zu gründe gelegt. Sehen wir nun von demselben
ab, und machen wir je Qualität (Offenheit resp. Geschlossenheit) oder
Quantität (Kürze resp. Länge) der Vocale zum Eintheilungsprincipe, so
erhalten wir folgende Zusammenstellungen:
Offen: a, ä, «, e, e^ w, o, ü^ ö.
Geschlossen: 9, (ce) f, ^, ü, ö, ^, q.
Nach Kürze und Länge geordnet, ergiebt sich folgendes Schema:
Kurz: a, a, («) e, e, w, o, ü^ ö.
Lang: 5, f, c, f, ü, q, ^, ^.
Diphthonge.
§ 7. Unter einem Diphthong verstehen wir eine einsilbige Ver-
bindung zweier einfacher Vocale, deren erster den stärkeren Accent
trägt. Die Diphthonge der Uppischen Mundart sind: at, i^u^ au, cbu,
euj f«, fw, oij gi und ?7«, sie enthalten mit Ausnahme des <bu nur Laute,
die auch als einfache Vocale vorkommen. Allen lippischen Diph-
thongen ist es gemeinsam, dass sie als zweiten Componenten i oder u
haben und also zu den echten Diphthongen der älteren indogerma«
12 Die Vocale der lippischen Mundart.
nischen Sprachen gehören. Sodann zeigt sich auch darin Ueberein-
stimmung, dass der zweite Component stets offen und kurz ist. Nie-
mals findet ein gehauchter Uebergang zwischen den beiden Compo-
nenten der lippischen Diphthonge statt.
§ 8. Ordnen wir die Diphthonge ebenso wie die einzelnen
Vocale zunächst nach den Lippenarticulationen, so stehen auf der einen
Seite ai und ^u als Doppellaute, deren Componenten je mit gleicher
Lippenarticulation gebildet werden; auf der anderen Seite kehen alle
die übrigen Diphthonge, bei deren Aussprache ein Wechsel in der Lip-
penarticulation stattfindet.
ai ist zusammengesetzt aus dem kurzen offenen a und dem kurzen
offenen i (Tabelle I), es ist also ein Diphthong, der mit passiver Lippen-
bewegung gebildet wird. In Bezug auf Quantität sind beide Com-
ponenten gleichwertig. Beispiele:
kwaif9, pl. Ausflüchte, Ränke; k^uhaitd^ f. Ruheplatz der Kühe;
aidn^ f. Werg; Iraid^ f. Breite.
Bei der Aussprache des ilu wird die gerundete Lippenstellung an-
genommen, auf ein langes geschlossenes ^ (Tabelle II, 2) folgt ein
kurzes offenes u (Tabelle II, ^j:
m4un, mein; r^wm, m. Reim; rilut9, f. Reibe; streut, m. Streit.
§ 9. Alle andern lippischen Diphthonge können nur mit einer
Veränderung der Lippenstellung gebildet werden, sei es, dass ein
Uebergang von passiver zu activer, resp. von activer zu passiver Be-
wegung stattfindet, oder dass die activen Bewegungen von verschiedener
Art sind.
Nach diesen Grundsätzen geordnet, bilden zunächst die Diphthonge
au, ceuj eu eine zusammengehörende Gruppe, der zweite Component
ist bei allen dreien das kurze offene u (Tabelle II, 2).
au und ceu haben als erste Componenten das offene a (Tabelle I)
und das geschlossene cb (Tabelle I), dessen specifischer Klang in § 2,^
angegeben ist. Die Aussprache dieser Diphthonge bietet keine
Schwierigkeiten: knaup, m. Knopf; laus, n. Loos; auk auch.
bceuny n. Bein; cmke, f. Eiche;
fardcBun^n, swv. verdienen; bodrcei^'^r, m. Betrüger.
Nicht ganz leicht dürfte dagegen für einen Ungeübten die Bildung
des lippischen eu sein. Der erste Laut ist ein sehr gedehntes offenes
e (Tabelle I), auf dieses folgt ein kurzes u. Man vernimmt deutlich,
wo der erste Laut in den zweiten hinübergleitet, aber der Diphthong
bleibt dennoch durchaus einsilbig. Diese Lauterscheinung erklärt sich
dadurch, dass es bei übermässiger Dehnung eines Vocales schwer ist,
die gleiche Expirationsintensität zu wahren, in der Regel findet gegen
das Ende hin eine Abnahme derselben statt. Bei der Umänderung der
Lippenarticulation tritt zugleich eine neue Verstärkung der Expiration
I. Theil. Bildung und Aussprache der lippischen Vocale und Diphthonge. 13
ein, dadurch bildet sich ein zweiter Silbengipfel, welcher indessen das
Mass jenes eisten nicht erreicht (nur Nebengipfel ist) und daher auch
den Eindruck einer einsilbigen Lautgruppe nicht aufheben kann (vgl.
SiEVERS, Phon. S. 198 ff.). Beispiele:
breut, n. Brot; x^^^^ adj. gross; heumj f. Bohne; euj9j n. Auge.
§ 10. Eine zweite Gruppe mit einem der Gutturalvocale als
ersten und dem offenen i als zweiten Componenten bilden die Diph-
thonge oi, gi und fii. Die Doppellaute m und gi sind im Klange streng
geschieden. Das geschlossene g (Tabelle 11,3) des letzteren giebt dem
Diphthong eine sehr dunkle Färbung, während oi durch das offene o
(Tabelle 11,2) einen weit helleren Klang hat. Beispiele:
koipBr, m. Käufer; loibon^ f. Laube; noÜ9r ein Mensch, der alles
zögernd und langsam thut.
gt69n, swv. zum besten haben; sgit9^ adj. süss; hamgitdn^ swv. be-
gegnen.
Der letzte Diphthong dieser Klasse, m, hat als ersten Componenten
das geschlossene, mit Rundung und Vorstülpung gebildete ü (Tabelle 11,^) :
üi69^ f. Kröte; afrüintk9n^ n. Eberraute; 'üiz^Ty pl. Häuser.
§ 11« Die beiden letzten Diphthonge in der Reihe der lippischen
Doppellaute sind iu und ^u, deren erste Componenten durch das lange
geschlossene f und ? gebildet werden (Tabelle II, ^) :
diuna, f. Daune; x^ewS^, f. Grube; rfum, m. Raum.
$u ist ebenso wie eu eine einsilbige aber zweigipflige Laul^ruppe.
Nur dürfte das geschlossene ^ in dem Diphthong ^u das offene e in dem
Diphthong eu an Dehnung nicht ganz erreichen, doch erfährt es dafür
eine stärkere Hervorhebung durch den Accent (wir bezeichnen dasselbe
daher mit dem Acut). Beispiele:
d^unta^ f. kl. Fest; d^uz9j f. Schopf der Rüben, Wurzeln etc.;
pl^ux, m. Pflug; Ä^wfo, f. Schule.
§ 13« Eine Zusammenstellung der lippischen Diphthonge nach
Offenheit resp. Geschlossenheit der Componenten ergiebt folgende
Reihen :
Beide Componenten sind offen: ai, au, oi, eu.
Der erste Component ist geschlossen, der
zweite offen: teuj $u, gi, lu, m, üu.
Ordnen wir die Diphthonge in Bezug auf Quantitätsverhältnisse,
so erhalten wir folgende Zusammenstellung:
Beide Componenten sind kurz: ai, au, ceUj oi, gi.
Der erste Component ist lang, der zweite kurz: eu, $u, \u, üi, §«.
14 Die Vocale der lippischen Mundart.
II. Theil. Uebersicht des lippischen Vocalsystemes auf
Grundlage des as. Vocalsystemes.
A. Die Vocale der betonten Silben.
I. Die den as. Efirzen entsprecbenden lippiscben Lante«
§ 13« Den as. kurzen Vocalen in geschlossenen Silben ent-
sprechen in der lippischen Mundart ebenfalls meist kurze Vocale.
dagegen hat bei den as. Kürzen in offenen Silben sehr häufig Dehnung
stattgefunden, so dass statt derselben im Lippischen die entsprechenden
Längen eingetreten sind (vgl. § 87 ff.).
As. a.
§ 14. 1. Dem as. a entspricht in der lippischen Mundart in der/
Regel a (über Aussprache des lippischen a vgl. § 2).
a) as. a in geschlossener Silbe > lipp. a:
blatj n. (as. blad) Blatt; Slax, m. (as. slag) Schlag; daXj m. (as. dag)
Tag; man, m. (as. man) Mann; Sat, m. (as. skat) Schatz; sat, adj. (as.
sad) satt; dat (as. thdt) das; Smal, adj. (as. smal) schmal; kam (as.
qicam) kam; x^f (^- ff^f) g^^j
X(^t, m. (as. gast) Gast; axt9r, praep. (as. aftar) hinter; axt9j
num. (as. ahto) acht; halken, m. (as. balko) Balken; x^lj^^i ^* (^'S.
galgo) Galgen; wasTzBn, stv. (as. waskan) waschen; "^alto, f. (as. halta)
Seite; wasan, stv. (as. wahsan) wachsen; fasta, adv. (as. fasto) fest.
b) as. a in offener Silbe > lipp. a:
faddr, m. [2c&,fadar) Vater; "^amer, m. (as. hamur) Hammer; lax9n,
swv. (as. hlahian) lachen.
2. Die Veränderungen, welche as. a im Lippischen erfährt, sind
folgende:
a) es wird durch Dehnung zu ä (vgl. § 2). Diese Dehnung er-
scheint am häufigsten in offener Silbe (vgl. § 89), z. B. watdr, n. (as.
watar) Wasser; läkdn^ n. (as. lakan) Laken; sie findet sich aber auch
in geschlossener Silbe (vgl. § 91), z. B. dal, n. (as. daT) Thal.
b) es geht vor /, r (meist l -j- Dent., r + Dent.) in o , resp. bei
Dehnung in q über (vgl. § 57 und § 58), z. B. oh (as. all) alle; x^^o^^i
f. (as. giwald) Gewalt; ;c?tw, m. (as. gardo) Garten.
As. e « germ. a),
§ 15. 1. Dem as. e entspricht in der lippischen Mundart in der
Regel e (über Aussprache dess. vgl. § 2, 4).
a) as. e in geschlossener Silbe > lipp. e\
net, n. (as. net) Netz; het, n. (as. hed) Bett. — erto, n. (as. erti)
Erbe; stehn, swv. (as. stellian) sieWen \ ferteUn, swv. (vgl. as. tellian)
erzählen; restm, swv. (as. restian) ausruhen; seßn, swv. (as. seggian)
II. Theil. Uebersicht d. lipp. Vocalsystems auf Grundlage d. as. Vocalsystems. 15
sagen; erw, n. (as. endi) Ende; et^a, adj. (as. enffi) enge; toemn, swv.
(as. wendian] wenden; 8terk9nj swv. (as. sterkian) stärken; wermsn, swv.
(as. wermian] wärmen; det^kaUj swv. (as. thenkian) denken; '«S^w, swv.
(as. hehbian) haben.
b) as. e in offener Silbe > lipp. e:
meridj f. (as. menigt) Menge; demn, swv. (as. thenian) ausstreuen,
verstreuen.
ed9lmanj m. (vgl. as. e^ili) Edelmann.
2. As. e wird in der lippischen Mundart beschränkt:
a) durch den XJebergang in ? (Ausspr. vgl. § 3, ^), der gern in offe-
ner Silbe eintritt (vgl. § 89,2), z. ß.
hdv)^dn , swv. (as. wegian) bewegen ; sik ferho^an, stv. (as. swerian,
«tv.) sich verschwören.
b) durch den XJebergang in i, der nicht selten vor Nasal, resp.
Nasal + Cons. stattfindet (vgl. § 69), z. B.
minska, m. (as. mennisko) Mensch; britian^ swv. (as. hrengian)
bringen.
c) durch den XJebergang in i, den die lippische Mundart bei Deh-
nung liebt (vgl. § 69), z. B.
yjljan, präp. (as. gegin) gegen; s^^J f. (as stedi) Stätte, Stelle, kl.
ländliches Besitzthum.
d) durch den XJebergang in ö, der in einzelnen Fällen vor /, /,
m etc. stattfindet (vgl. § 57; § 59; § 60,2; § 62), z. B.
'öfo, f. (as. hellia) Hölle; löjan^ swv. (as. leggian) legen; frömt^ adj.
(as. fremidi) fremd.
e) durch den XJebergang in den Diphthong aeUy ai, der bei Ersatz-
dehnung eintritt (vgl. § 99,2), z. B.
ncBuman, swv. (as. nemnian) nennen.
As. e.
§ 16. 1. Dem as. e entspricht im Lippischen in den meisten
Fällen e (§ 2, ^) , und zwar erscheint die lippische Kürze entsprechend
der as. Kürze nicht nur in ursprünglich geschlossenen Silben, sondern
sie ist auch in offenen Silben nicht selten.
a) as. 'e in geschlossener Silbe > lipp. e:
spelj n. (as. spei, genit. spelles) komische Erzählung; fei, n. (as.
fei) Fell; wex, m. (as. weg) Weg; herx, m. (as. herg) Berg; werk, n.
(as. werk) Werk; rext, n. (as. reht) Recht; ses9, num. (as. s'^hs) sechs;
werUmariy m. (vgl. as. werd] Wirth; wesdl, m. (as. w'^hsdl) Wechsel;
^ert9, n. (as. herta) Herz; steme, f. (as. st^mna) Stimme; ^ elpon, stv. (as.
helpan) helfen; ;^ßfo;^, stv. (sls, geldan) gelten; smeltan, stv. (as. smeltan]
schmelzen; stertan, stv. (as. stertan) sterben; hestan, stv. (as. hrestan)
bersten; werpan, stv. (as. werpan) werfen.
16 Die Vocale der lippischen Mundart.
b) as. e in offener Silbe > lipp. e:
fedoVj f. (as. fethera) Feder ; wedsr^ n. (as. wedar) Wetter ; stekalj
adj. (as. stekaT) steil; letdr, f. (ahd. lebara) Leber; fecfer, n. (ahd. l'eder)
Leder; stehUj stv. (as. stelan) stehlen; spreksn, stv. (as. sprekan) sprechen;
et9n, stv. (as. etan) essen; hrekdn, stv. (as. hrekan) brechen; stekan, stv.
(as. stekan) stechen; meten, stv. (as. metan) messen.
2. Die Veränderungen, welche as. e in der lippischen Mundart
erfährt, sind folgende;
a) es erleidet Dehnung zu ? (vgl. § 3, i); am häufigsten tritt
diese in offener Silbe vor lippischer stimmhafter Consonanz ein (vgl.
§ 89, 3j^ z. B. ^^an, m. (as. heian) Himmel; r^m, m. (as. regan) Re-
gen; l^zdn, stv. (as. lesan) lesen; w^zan, part. praet. (as. wesan) ge-
wesen. In andern Fällen ist der Uebergang in f durch Consonant-
ausfall hervorgerufen, z. B. in den Wörtern praw, f (as. erÜa) Erde;
w^roUj stv. (as. werÖan) werden.
b) es geht bei Dehnung in offener Silbe (am häufigsten vor
lippischer stimmhafter Consonanz) in l über (vgl. § 68, 2)^ z. B.
nltal, m. (as. netal) Nebel; ;fffo», stv. (as. getan) geben.
c) es wird in einzelnen Wörtern vor ursprünglichem r zu a (vgl.
§ 65, 1), z. B.
Xast9, f. (as. ffersta) Gerste.
d) es geht in einzelnen Wörtern vor /, r, j] m etc. in üj ö über
(vgl. § 57,2; § 58,2; § 59), z.B.
mülm, m. (as. melm) Staub; mülmern, swv. stauben; "^ülpaj f. (as.
helpa) Hülfe; börka^ f. (mnd. berke) Birke; töjdnj num. (as. t^han] zehn.^
e) es erleidet bei Consonantausfall durch Ersatzdehnung Diph-
thongirung zu cbu (vgl. § 99,3), z. B.
saeuon, stv. (as. sehan) sehen; fceu, n. (as. fehu) Vieh.
As. i.
§ 17. As. i hat zweierlei Ursprung, es ist entweder = idg. i^
oder es ist = idg. a, germ. e^ das sich vor Nasal + Consonant, und
sonst wenn kein suffixales a erhaltend wirkte, in i gewandelt hat.
In beiden Fällen entspricht dem as. i in der Regel lipp. i (§ 2,*);^
doch erscheint daneben für beide auch lipp. e (vgl. über den Wech-
sel von e und t § 68 — § 70).
1. As. i (idg. i) > lipp. i:
ßsk, m. (as. ßsk) Fisch; sik (Ps. sie) sich; wiso^ adj. (as. tois)
tüchtig, fest; init^ m. (zu as. snihan^ stv.) Schnitt; drift^ f. (zu as.
dridan, stv.) Trift; sUx, m. (zu lipp. sUluken, Verb der sogenannten
t-Klasse) listiger Anschlag.
2. As. i (idg. i) erleidet in der lippischen Mundart Einbusse:
a) durch den Uebergang in ^, der am häufigsten in offener Silbe
vor stimmhafter Consonanz eintritt (vgl. § 89, % z. B.
IL Theil. Uebeisicht d. lipp. Vocalsystems auf Grundlage d. as. Vocalsystems. 1 7
drtban^ part. praet. (zu as. driban) getrieben; hrlton, part. praet.
(zu as. skritan) geschrieben; in andern Fällen ist die Dehnung durch
Consonantausfall begünstigt (vgl. § 89, Anm.), z. B. in den Wör-
tern /rp, m. (as. /näw) Frieden; hnwn, part. praet. (zu as. sniÖan) ge-
schnitten.
b) durch den Wechsel mit e. Ein solcher Uebergang des idg. i in
e (e) ist den älteren germanischen Sprachen ebenfalls nicht fremd»
Brechung des idg. i zu e wurde durch ein suffixales a hervorgerufen,
ohne dass jedoch diese Umänderung consequent durchging (vgl. Piper,
Spr. u. Litt. Deutschi. etc. S. 183). Für die lippische Mundart lässt
sich dies Gesetz nicht nachweisen, sondern der Wechsel scheint mehr
auf Quantitätsverhältnissen zu beruhen: bei lipp. kurzer Silbe findet
sich häufiger e, bei lipp. langer Silbe häufiger % resp. l (vgl. die
weiteren Ausführungen § 70).
as. i (idg. i) > lipp. e in den persönlichen Fürwörtern ek (as.
ik) ich; et (as. it) es; en9 (as. imu) ihm; ferner in den Wörtern met,
praep. (as. mid] mit; het, praep. und conj. \ä^\ fei, adj. [sls. ßlu) viel;
Xleiy n. (as. US) Glied; sep, n. (as. skip) Schiff; *e;^, adv. (as. hinan) hin;
weder, adv. (as. toiÖar) wieder; wetdn, anv. (as. witan) wissen; hetan,
n. (vgl. as. hiti) ein bischen, ein wenig.
c) durch den Uebergang in ü, ^ vor r, w, j etc. (vgl. §58,2; § 59,2;
§ 64), z. B. in den persönlichen Fürwörtern ur, dat. sing. fem. (sis.iru)
ihr; ^nen, dat. pl. (as. im) ihnen; in dem Adj. friija (vgl. g. /reis, Ad-
jectivstamm fri/a) frei.
§ 18. Das andere as. i beruht auf allgemein germanischem e..
Letzteres ging vor gedecktem Nasale und vor i der folgenden Silbe
in i über. Dieses Lautgesetz ist in seiner ganzen Strenge schon im
As. nicht mehr erhalten (vgl. z. B. as. niman^ stv.), in der lippischen
Mundart ist es kaum noch in den letzten Spuren zu erkennen, da
Analogiebildungen (z. B. in den Conjugationsformen) demselben viel-
fach entgegen gewirkt haben (s. Beispiele w. u.).
1. As. ^ [e) ^ lipp» i'
blintj adj. (as. blind) blind; dirik, n. (as. thing) Ding; — dririken,
stv. (as. drinkan) trinken; timern^ swv. (as. timbrön) zimmern; ßneUj
stv. (as. ßndan, fiSan) finden; Unon, stv. (as. bindan) binden; sitidn,
stv. (as. singan) singen; spritidn, stv. (as. springan) springen; mntdri
m. (as. tvintar) Winter; im9j f. (as. imba) Biene.
bidm, stv. (as. biddian) bitten; siton, stv. (as. sittian) sitzen; Ujen^
stv. (as. liggian) liegen.
2. As. i (e) wird in der lippischen Mundart eingeschränkt:
a) durch den Wechsel mit e (vgl. § 68), z. B.
seten, num. (as. sidun) sieben; kwek, adj. (as. quik) fett, wohl-
Yocale der lipp. Mnndart. o
18 Die Vocale der lippischen Mundart
genährt; slem, adj. (mhd. slimp) schlimm; 8pen9, t (zu as. spinnan,
stv.) Spinne; rena, f. (zu as. rinnan, stv.) Rinne; melk», f. (as. miluk)
Milch; — wert (as. toirÖid) wiid; 'elpt^ (as. hüpid] hilft; sterft (as.
stirtid) stirbt.
b) durch den Uebergang in ü, der in einzelnen Wörtern vor /,
m etc. stattfindet (vgl. § 57, 2, § 62), z. B. 'ümer, f. (vgl. mhd. hint-ber)
Himbeere.
c) durch den Uebergang in a, der durch ein ursprüngliches r her-
vorgerufen wird (vgl. § 65, i), z. B. fast, m. (as./r*^i) First des
Hauses.
d) durch den Uebergang in üu bei Ersatzdehnung (vgl. § 99, %
z. B. d^usBHj f. (vgl. mhd. dehsen, stv.) Abtheilung zurechtgemachten
Flachses.
As. 0.
§ 19. As. vertritt zwei etymologisch getrennte Laute. Es ist
entweder ursprüngliches, d. h. germanisches 0, welches durch ein suf-
fixales a erhalten wurde, wenn nicht Doppelnasal oder Nasal + Muta
eine solche Einwirkung des a verhinderten und den Eintritt eines u
beförderten; oder as. ist aus ursprünglichem u entstanden, welches
durch ein suffixales a zu o j» gebrochene wurde. In beiden Fällen ent-
spricht dem as. in der Regel auch lipp. (§ 4, ^), doch kommt dane-
ben als Vertretung auch u vor (s. Beispiele w. u. Ueber den Wechsel
von und u im Lippischen vgl. § 71).
1. a) As. (germ. 0) in geschlossener Silbe > lipp. o:
^ofj m. (as. hof) Hof; stok, m. (as. stok) Stock; '0/, adj. (as. hol) hohl;
— folkj n. (as. /oÄ) Volk; 'oft, n. (as. holt) Holz; forxty f. [as. forht)
Furcht; — sorja, f. (as. sorga) Sorge; wolkdn, pl. (as. toolkan) Wolken;
morßnj m. (as. morffah] Morgen; bosta, f. (zu as. br'Sstan, stv.) Bruch,
Spalt; imoltarij part. praet. geschmolzen; worpan, part. praet. (vgl. as.
farworpan] geworfen.
b) as. (germ. 0) in offener Silbe > lipp. 0:
wonan, swv. (as. wonön) wohnen; in den part. praet. noman (as. ffino-
man) genommen; stolan (zu as. stelan) gestohlen; brokan (zu as. brekan)
gebrochen; dropan (zu as. dr^pan) getroffen.
2. As. (germ. 0) wird in der lipp. Mundart beschränkt:
a) durch die Dehnung zu g (vgl. § 89, *), z. B. bQ^an, part. praet. ,
(as. giboran) geboren.
b) durch den Uebergang in u (vgl. § 71), z. B. in den part. praet.
^ulpan (as. giholpan) geholfen; y^lan (zu as. g'eldan) gegolten; hidan (zu
as. skeldan) gescholten.
c) durch den Uebergang in ö (?) durch t- Umlaut (vgl. § 48, ^),
z. B. fölkar, pl. (vgl. bs. folk) Völker, Bezeichnung für die Dienst-
n. THeiL Uebersicht d. lipp. Vocalsystems auf Grundlage d. as. Vocalsystems. 19
toten auf den Bauernhöfen; förtdrlik, adj. (vgl. d^.farhtUk) fürchter-
lich; 8tört9n, swv. (mnd. Horten) stürzen.
d) durch den Uebergang in ö {§) vor r (vgl. § 55), z. B. dörp, n.
i(as. thorp) Dorf; bS'rt, n. (as. bord) Brett mit einem Rande.
§20. 1. Dem aus ursprünglichem e^ durch j»o-Brechungiir entstan-
denen as. entspricht in der lippischen Mundart in der Kegel eben-
falls 0.
a) As. o- (u) in geschlossener Silbe > lipp. o:
bot, n. (as. gibod) Gebot beim Handel; hlot, n. (GL Lips. slot)
Schloss; lok, n. (zu as. (bi\l4kan, stv.?) Loch; not,* f. (vgl. lat. ntix)
Nuss.
b) as. [u) in offener Silbe > lipp. o:
xot&n, part. praet. [za sls, giotan) gegossen; kropdn, gekrochen ; /ar-
sopdn, part. praet. (vgl. ahd. süffan, stv.) ertrunken; tok^n, swv. (zu
as. ttohan^ vgl. mhd. zocken) ziehen, zerren.
2. As. (u) erleidet in der lippischen Mundart Einbusse:
a) durch die Dehnung zu g, die gern in offener Silbe vor stimm-
hafter Consonanz eintritt (vgl. § 89, % z. B. bg'^an, m. (as. boffo) Bogen;
Jf^1^9n, part. praet. (zu bb, fliogan) geflogen; IgJ^on, part. praet. (zu as.
liogan) gelogen; föj^Bn, part. praet. (zu as. tiohan, vgl. auch heritogo, m.)
gezogen; böa, m. (as. bodo) Bote.
b) durch den Uebergang in ö durch ^-Umlaut (vgl. § 48, Anm.),
2. B. dröpdln, swv. (zu as. driopan, stv.) tröpfeln; söpk^m, swv. (vgl.
ahd. BÜffan, stv.) ein wenig saufen.
As. u,
§ 21. As. u bezeichnet zwei dem Ursprünge nach getrennte Laute.
Es ist entweder ursprüngliches u, oder es ist aus o hervorgegangen.
Nach dem bekannten, schon in § 19 angeführten Lautgesetze ging lur-
sprüngliches, d. h. germanisches o vor Doppelnasal oder Nasal + Muta
und sonst, wenn kein suffixales a erhaltend wirkte, in u über. Dem
ursprünglichen wie dem aus o hervorgegangenen u entspricht in der
lippischen Mundart in den meisten Fällen ebenfalls u\ in einzelnen
Wörtern findet sich jedoch auch o an Stelle von as. u (s. Beispiele
w. u. Ueber den Wechsel von o und u im Lippisdhen vgl. § 71 — 72).
1. a) As. u (urspr. «) in geschlossener Silbe > lipp. u\
ttixt, f. [BS. tuht]\ Zucht; buxt, f. (zu as. biogan, stv.) 1) Niederwer-
fung, Einschränkung {i^wr btixt kr^ujdn etwas überwältigen). 2) Kaum
für Getreidevorräthe; /^/«fi<, m. {bs. farlmt) Yetlu^i', fluxt, f. (zu as.
Jliohan) Flucht; liMct, f. (as. luft) Isait, frtixt, f. (bb, fruht) Frucht;
Jhtxten, swv. nützen; Imtorn, swv. (vgl. as. hlust) lauschen; mp, m.
(zu as. *skiöban, mhd. schieben, stv.) Stoss; Sups9n, swv. heftig vor-
wärts stossen.
2*
20 I^ie Vocale der lippischen Mundart.
2. As. u (urspr. u] wird im Lippischen eingeschränkt:
a) durch die Dehnung zu ü^ die sich am häufigsten in offener
Silbe vor stimmhafter Consonanz findet (vgl. § 89, ^)^ z. B.
fü'^9l^ m. (as. fugal) Vogel; süno^ m. (as. sunu) Sohn.
b) durch den Uebergang in ü (i-Umlaut, vgl. § 49, ^) z. B. nüt9, adj.
{as. nutti) nützlich; lütk, adj. (as. luttik) klein; lüstan^ swv. (as. Itistian)
gelüsten; süt9nbceu'r, n. (zu as. skiotan^ stv.) Schützenbier, Schützen-
fest; /rw^a, f. (vgl. as. griot) Grütze; /t^<«a, f. (zu as. ^eo^em, stv.) Aus-
flussöffnung an der Kaffee- oder Theekanne.
\ c) durch den üebergang in ^ (t-Umlaut und Dehnung, vgl. § 49, 2)^
z. B. kürsn, swv. (zu as. kiosan, stv.?) sprechen, in den Pluralformen
opt. praet. der sog. w-Klasse vor stimmhafter Consonanz, z. B.
t^/an (as. tuMn) zögen; ßüjan (as. flugin) flögen; iiß9n schöben;
frilrsn frören.
d) durch den^ üebergang in o (vgl. § 72), z. B. sibpon, swv. (as.
stuppön) stopfen, stecken [stoptdful^ adj. voll bis zum Uebetmass).
e) durch den üebergang in ö (i-Umlaut, vgl. § 72), der sich in un-
organischen Analogiebildungen findet, z. B. in slötdl, m. (as. slutil)
Schlüssel; höteJ^ f. (Gl. Prud. skuzila) Schüssel; ferner in den Plural-
formen opt. prät. der sog. w-Klasse vor stimmloser Consonanz, z. B.
rökon röchen; söp9n söffen; ;^ö^aw (as. gutin) gössen; kröpon kröchen.^
(Dagegen erscheint vor stimmhafter Consonanz ^: tü/an zögen etc.^
vgl. Beispiele unter c.)
§ 22. 1. a) As. u (germ. o) in geschlossener Silbe >> lipp. u:
wulf^ m. (as. wulf) Wolf; xadult^ f. (as. githuld) Geduld; sult^ f. (as,
skuld) Schuld ; yw^jA;, adj. (as. Jung) jung; stum, adj. [as. stum) stumm;
sprufiky m. (zu as. springan, stv.) Quelle; "^unt, m. (as. hund) Hund;.
Xruntj m. (as. gt^nd) Grund. — ""uridr, m. (as. hungar) Hunger; bru-
nan, m. (as. brunno) Brunnen; unar , praep. (as. undar) unter; sundVy
praep. (as. sundar) sonder; turi9, f. (as. tunga) Zunge; sune, f. (as. sumia]
Sonne;
funan, part. praet. (as. gifundan) gefunden; bunan^ part. praet. (as.
gibundan) gebunden.
2. As. u (germ. o) wird im Lippischen beschränkt:
a) durch den üebergang in ü (t-ümlaut, vgl. § 49, Anm.), z. B.
mn9y f. (as. sundia) Sünde ; üma, praep* (as. umbi) um ; stüke, n. (Fkeck-
Heber, stukki) Stück; farstükan^ swv. genau erzählen; dürikan, swv. (as-
thunkian) dünken; xüldn, adj. (as. guldin) golden.
b) durch den üebergang in o (^), der am häufigsten vor r eintritt
•(vgl- § '71)) z- B. borx, t (as. bürg) Burg; torf, m. (as. iurf) Torf; tcg-rm,
m. (as. wurm) Wurm. — somdr, m. (as. sumar) Sommer; in den part^
IL TheiL Uebersicht'd. lipp. VocaUystems auf Grundlage d. as. Vocalsystems. 21
praet. hooman (as. * gistoumman) geschwommen; farxlomm (vgl. mhd.
ylimmen^ stv.)-, verglommen. Durch i-Umlaut witd dies lipp. o zu ö:
sömixj adj. (zu as. sum) zi^nlich viel; möhr, m. (Frbck. Hebbr.
mulenire) Müller; döstarx, adj. (zu as. thurst, m.) durstig.
II. Die den as. Längen entsprechenden lippischen Laute.
§ 23» Von den as. Längen wird nui ä durch eine einfache Länge
(o) in der lippischen Mundart vertreten, den andern as. langen Vocalen
entsprechen als regelmässige Vertreter lippische Diphthonge. Nur aus-
nahmsweise findet sich im Lippischen die der as. entsprechende Länge
erhalten. Verkürzung der as. langen Vocale erscheint im ganzen nicht
häufig, die meisten Fälle von Verkürzungen zeigen sich vor Doppel-
consonanz, mag dies eine alte stammhafte Consonantenverbindung sein
oder eine neuere, die durch Anfügung eines Suffixes oder Ausfall eines
•Vocales entstanden ist (vgl. § 73 — § 86).
(Die weiteren Ausführungen über die Entwicklung der lippischen
Diphthonge aus den as. Längen s. § 105 — § 109.)
As. ä.
§ 24. 1. Der as. Länge ä (g. <?) entsprechend erscheint in der
lippischen Mundart q (über Ausspr. vgl. § 5).
a) as. ä in geschlossener Silbe > lipp. 6:
Mp, n. (as. skäp) Schaf; rQt, m. (as. räd) Rath; slgp (as. släp) Schlaf;
noj adj. (as. näh) nahe; stön^ anv. (as. stän) stehen; kwÖTy adj. (as. swär)
cschwer; '^t, n. (as. här) Haar.
nodaly f. (as. nädlüj älter nädala) Nadel.
b) as. d in offener Silbe > lipp. o:
sprokd, f. (as. spräka) Sprache; frQ^en, swv. (as. frdgön] fragen,
^nqn^ m. (as. mäno) Mond ; -^tdnt^ m. (as. ätand] Abend ; IgtaUf stv. (as.
Idtan) lassen; llgpan, stv. (as. släpan) schlafen; om, m. (as. äbom) Athem;
Jiw^l^ f. (as. qiiäla) Qual; rgdn, stv. (as. rädan) rathen; brosn^ stv. (as
brädan) braten; hrökdUy swv. (Werd. Heber, gibräkön) brachen.
2. Sehr selten entspricht dem as. d lippisch d (vgl. § 103, i»^):
wdp9n, n. (as. wdpan) Wappen; Wja, f. (zu as. liggian, stv.)
Lage.
3. Die Veränderungen, welche as. d ausser diesen Vertretungen
im Lippischen erfährt, sind folgende:
a) es wird in einzelnen Fällen zu a verkürzt (vgl. § 73), z. B. daxta
{as. thdhtaj secund. Länge) dachte.
b) es wird durch i-Umlaut, wenn es schon vorher in lipp. g
übergegangen war, zu S (vgl. § 50,'), z. B.
22 Die Yoeale der lippischen Mundart»
tD$r9n, pl. opt. praet, (as. wärin) wären; s$pk9nSj pl. (vgl. as. skäp)
Schäfchen; hoSrdar, comp. (as. * «w4rtV) schwerer; rauf$r4x, adj. (vgL
as. här) rothhaarig; %9f'^lik^ adj. (vgl. as. fär] gefährlich.
Durch die Mittelstufe dieses ö wird as. 4 bei Verkürzung im
Lippischen zu 6 (vgl. § 73,3. bj^ ^ g
VöU (as. lätü] lässt; Slbpt (as. släpid) schläft.
c) es wird durch t-Umlaut, wenn vorher noch kein Uebergang in
lipp. Q stattgefunden hatte, zu 4, ^ (vgl. § 50, i), z. B. /fr, adj. (as.
läri) leer.
Durch die Mittelstufe dieses infolge ^Umlautes entstandenen ^, ^
gewinnt as. ä wieder verschiedene Entsprechungen in der lippischen
Mundart:
a) es wird zu e verkürzt (vgl. § 73,2), z. B.
selixy adj. (as. säliff) selig.
ß) es geht in i über (vgl. § 103,^»^), z. B.
fömim, adj. (zu as. nimany stv., vgl. auch mhd. vür-n^eme) vornehm..
y) es wird zu ai, cbu diphthongirt (vgl. § 50), z. B.
Xnaidixj adj. (H61. ffinäSiffy Ps. ungenethig) gnädig; nayer, comp.
(zu as. näh, adj.) näher; Satpar, m. (as. * skäpari) Schäfer; kaizd, f.
(Fkbck. Heber. Msiy ahd. ce^^t, lat. caseus) Käse.
mßuma (as. ;2<!lme) nähme; kceumo (as. 2^^^/?^^) käme; ;(^2<Sa (as»
^4S») gäbe; ^t^^a (as. ätt) ässe.
As. <^.
§ 25« As. e vertritt zwei ursprünglich verschiedene Laute, es ist
einmal = germ. ^, und sodann ist es die Contraction des ger-
manischen Diphthongen aL Diese Contraction ist im As. in allen Fällen
eingetreten und nicht nur vor bestimmten Consonanten wie im Ahd.
1. As. ^ = germ. 6 erscheint nicht häufig, und von den
Wörtern, in denen es sich findet, lässt sich in der lippischen Mundart
nur eins belegen: 'wrr, 'wt (as. h^, g. Mr) hier. Ein zu der gleichen
Kategorie gehörendes, aber erst secundäres J findet sich in Wörtern
wie as. m^da, f. Lohn; hrif, m. (lat. hrevis) Brief; im praet. red. Ver-
ben wie fiH hiess; Ut liess etc. Diesem erst secundären as. i ent-
spricht im Lippischen ai oder ceu^ z. B. mai^n, swv. miethen; brceuf, m>
Brief; ^(^ut hiess; keut liess.
§ 26« Dem as. ^ = germ. ai entsprechen in der lippischen
Mundart zwei Diphthonge : ai und (BU. Die betreffenden Wörter haben
im Lippischen entweder den einen oder andern Diphthong, aber stets
denselben in dem einzelnen Worte. Eine feste Regel über den Ein-
tritt des ai resp. ceu lässt sich nicht geben (vergl. § llOj^und^), im.
ganzen wird €eu bevorzugt.
1. a) As. S (germ. ai) in geschlossener Silbe > lipp. ai:
II. TheiL Uebersicht d. lipp. Vocalsyetems auf Grundlage d. as. Vocalsystems. 23
Stoatt, m. (as. stc4t) Schweiss; lait, n. (as. US) Leid; marrj comp,
(as. m^) mehr; braity adj. (as. brSd) breit; sail, n. (as. sSl) Seil; swairiy
m. (ahd. swein) Hirt; rat*p, n. (g. ratps) Seil, Tau; Jat^ (as. bet) biss;
Jfat/ (as. W/^) blieb; iraif (as. «Are/) schrieb; ^ratp (as. ^r^^) griffe
b) as. ^ in offener Silbe > lipp. ae:
^ai9, m. (as. A^dmo) Heide; spaik9, f. (as. 5;7^A;a) Speiche; laiman, m.
(as. /^mo] Lehm; bQiaian, stv. (vgl. as. skidan) Auskunft geben.
2. a) As. c in geschlossener Silbe > lipp. e»w:
'«^tf^, adj. (as. hSt) heiss; wceuk, adj (as. t^A) weich; £^t</, m. und n.
(as. dSl) Theil; aeut, m. (as. SS) Eid; asun (as. ^) ein; baeun, n. (as. i^]
Bein; fi^<:pw«, m. (as. stSn) Stein] ߀euskj n. (as.^^^A) Fleisch; ;c<!5W5^, m.
(as. ^^«1^) Geist; 'eetd, adj. (as. A^/) heil; waruBwr (as. hwaner) wann.
b) as. ^ in offener Silbe > lipp. <5w:
d€eul9n, swv. (as. delian) theilen; bceud9 (as. i^dte) beide; m<:8e«72d^,
swv. (as. m^ian) meinen; t€euk9n, n. (as. Ukan) Zeichen; (Bujen^ adj.
(as. igan) eigen; kltBun, adj. (as. kUni) klein.
3. As. ^ hat sich vor r [m^ n) einigemale im Lippischen erhalten
(vgl. § 103,«), z. B.
i^-r, m. (as. b^) Eber; ^9, f. (as. ^a) Ehre; $r9n, swv. ehren;
Z^»w, swv. (as. Uran) lehren; kin9rl4r9j f. Religionsunterricht vor der
Confirmation ; k^^on (as. kSran) sich nach etwas richten, wenden ; j^^r^n,
f. (as. ffSro) der keilförmige Einsatz am Hemde; 'fr», m. (as. herro)
Herr (in der Anrede nur ' er).
$4mixi adj. (Nebenform saimixj vgl. as. sSm, m.) seimig, dünnbreiig;
2^;2, swv. (Nebenf. lainsn, vgl. mhd. Uhenen und /^en) leihen.
4. Ausser diesen Vertretungen erfahrt as. ^ im Lippischen noch
folgende Veränderungen:
a) es wird zu e verkürzt (vgl. § 77), z. B.
emarj m. (as. ^bar) Eimer; entaln (zu as. 4n) einzeln; lersk^ adj.
(zu as. leran] gelehrig; mester, m. (as. mSstar, lat. magister) Meister.
b) es geht (weil vor gedecktem Nasale befindlich, vgl. § 68, *) in
i über in dem Worte twinttXf num. (as. fw4ntiff) zwanzig (mnd. twin-
tich).
As. i.
§ 27. As. i wird im Lippischen durch zwei Diphthonge vertreten:
durch ^^ (§ 10) und durch ipw (§ 8). Dieselben haben verschiedene
Gebiete inne, im Westen von Detmold (Heidenoldendorf, Pivitsheide
Lage etc.) in der Sichtung nach Bielefeld hin wird üi gesprochen, im
Osten und Südosten, in der Richtung nach Steinheim hin hört man
§w. Wir geben die betreffenden Wörter in den Formen mit ^«, da
wir auch sonst bei Doppelformen der Aussprache der östlichen Di-
stricte folgen.
1. a) As. ( in geschlossener Silbe > lipp. ^u:
24 Die Vocale der lippischen Mundart.
. ^ tüut f. (as. tid) Zeit; müun (as. min) mein; düun dein; süun sein;
wüut, adj.^ (as. m"d) weit, lUuf, n. (as. /«/) Leib, wUuf, n. (as. «<;«/)
Weib; strüut, m. (as. «^r/^ Streit, it^w;^, n. (as. 5Z(7zw) Schwein.
b) as. i in offener Silbe >> lipp. ^w:
rüupd, adj. (as. Hjotj reif; rüukd, adj. (as. r^At) reich; drijmU, adj.
(as. ^ÄHir^/) dreist; siint», f. (as. Äeefo) Seite ; /^fw*^, adj. (as. gilik) gleich;
blUuton, stv. (as. biltban) bleiben; saunen, stv. (as. Ä>fe«wa«) scheinen;
hilutdnj stv. (as. Ät7aw) beissen; to^uzBny swv. (as. wisian) weisen, zei-
gen; vMuz9ßri9rj m. Zeigefinger.
. 2. Selten nur ist as. iim Lippischen erhalten (§ 103, 3): nttsk, adj.
(zu as. ntät vgl. mhd. nidesch) unangenehm, widerwärtig; wia, f. (ahd.
wida) Weide.
3. Ausser der Vertretung durch üu, üi erscheinen noch folgende
Laute im Lippischen für as. i:
a) as. t > lipp. i. Diese Verkürzung ist infolge der Syncope des
Suffixvocales regelmässig in den Formen der 2. und 3. pers. sing, indic.
praes. der sog. i-Klasse eingetreten, z. B. heisst es: hrift (as. skribid)
schreibt; wi^t (as. wikid) weicht, hlift (as. biltbid) bleibt etc. Auch
sonst zeigt sich diese Verkürzung nicht selten (vgl. § 74), z. B. in witj
adj. (as. hwit) weiss; Und% w. (as. Im] Leinwand; dijsn swv. (as. thi-
han) gedeihen; spijm^ swv. (as. spiwan] speien.
b) as. t > lipp. e in dem Zahlworte dertix (Nebenf. drütix, as.
thrttig) dreissig. Wahrscheinlich ist der Uebergang in e durch Umstel-
lung des r hervorgerufen (§68, i).
As. 6 (germ. d).
§ 28. Dem as. 6 (germ. d, ahd. wo, im) entspricht in der lippischen
Mundart als regelmässiger Vertreter der Diphthong ^u (§ 11), und zwar
wird derselbe ohne Abweichung im ganzen lippischen Gebiete ge-
sprochen.
a) as. d in geschlossener Silbe > lipp. ^u:
b^ukj n. {as. bök) Buch; d^un, anv. (as. dön) thun; bl^ut^ n. (as.
blöd) Blut; st^uly m. (as. stöl) Stuhl] fSut^ m, [as.föt) Fuss; ;ffw^, adj.
(as. göd) gut; m^utj m. (as. möd) Muth^ Sinn; s^u^ m. (as. sköh) Schuh;
" ^urij TL, (as. hön) Huhn; im praet. abl. Verben der a-d-Kl.: dr^ux (as.
drög) trug; xr^uf (as. gröf) grub.
b) as. 6 in offener Silbe >> lipp. Bu:
bl^um9y f. (as. S/dwo) Blume; bUumdn^ swv. Blüthen haben ; br^u9r,
m. (as. bröhar) Bruder; fdrfl^uk9n, swv. (as. farflökan) verfluchen;
r^updn, stv. (as. hröpan) rufen; r^u9, f. (Ps. rtwta) Ruthe, Gerte; k^Uj
f. (Freck. Heber, kö) Kuh (pl. köß).
Anm. Wenn auf den DipEthong eu ein 'r oder ar folgt, so entwickelt sich beim
Uebergange vom u zu diesem 9 hin und wieder ein w (stimmhafte Spirans), das zwar
schwach, aber doch deutlich wahrnehmbar ist Die betreffenden Wörter lauten dann
II. TheiL Uebersicht.cL lipp. Vocalsyatems auf Grundlage d. as. Vocalsystems. 25
a. B. hreu^9r^ m. Bruder; feu^dv^ n. Futter, Nahrung; bi8t4u^9r, m. Pastor. Eine
solche Aussprache wird indessen nicht durchgängig gehört, sie ist mehr als eine in<
•dividueUe Eigenthümlichkeit zu betrachten.
2. Dem as. ö entspricht im Lippischen nui in vereinzelten Wör-
tern 6 (vgl. § 103, ^]j X. B. swgr (as. sioör zu swerian, stv.) schwur.
3. Neben der regelmässigen Vertretung durch ^u kommen in der
lippischen Mundart noch folgende Laute für as. 6 vor:
a) dasselbe wird zu o verkürzt (vgl. § 75), z. B.
modaTj f. (as. mödar) Mutter; im praet. sw. Verben: soxta (zu as.
sökian) suchte; ofte (zu as. ötian) hatte zum bestien; 'orfa (zu as. hödian)
■hütete ; foda (zu as. födian) futterte auf. .
b) as. 6 wird durch, t- Umlaut im Lippischen zu oi (§ 10), z. B.
^g{$t9, adj. (as. wösti) wüst; imboitan, swv. (as. bötian) einheizen; oüdn,
swv. (as. ötian) narren, zum besten haben; bamoitan, swv. (as. mötian)
.treffen ; fgidn, swv. (as. födian) aufziehen, auffuttern ; sgikarij swv. (as.
\s6ktan) suchen; badrgiten, swv. (as. drötian) betrübt machen; 'pe^w, swv.
{as. hödian) hüten; %rpm, adj, (as. gröni) grün; moia, adj. (as. mödf)
.müde.
c) as. ö wird .durch .die Mittelstufe des e-XJmlautes im Lippischen
au ö verkürzt (vgl. § 75, 2j^ z. B.
*ö»dr, pl. (zu as. hön) Hühner; köje^ pl. (Febck. Hbber. köii, pl.)
Kühe; — oft hat zum besten, ^bY futtert; ^ öt hütet (vgl. die entspre-
<jhenden as. Verben unter b).
As. ö (germ. au).
§ -29. As. ö ist durch Monophthongirung aus germ. at^ entstan-
den, und zwar hat sich dieser üebergang in allen Fällen und nicht nur
^or bestimmten Consonanten (Dentalen und r, /, w, h) wie im Ahd.
vollzogen. Diesem as. ö entsprechen im Lippischen zwei Diphthonge:
Von Detmold aus südlich (Frommhaüsen, Holzhausen) in der Richtung
nach Paderborn hin hört man für as. ^ fgerm. au) den Diphthong eu
(vgl. § 9), im übrigen Lande, bespnders auch im Norden (Hohenhau-
4sen) herrscht für as. ö (germ. au) der Diphthong au. Wir benutzen
den letzteren, da er in den östlich von Detmold gelegenen Ortschaften
(in dem gleichen Striche wie üu, vgl. § 27) ausschliesslich gebraucht
ivird.
1. a) As, ö (germ. au) in geschlossener Silbe >> lipp. au:
laukj TL. (as. lök) Lauch ;' äw:r, adj. (as. höh) hoch; braut, n. (as. bröd)
Brot; dautj m. (as. dö^) Tod; draum, m. (as: dröm) Traum; traust, m. (vgl.
as. gi'tröst) Trost; x^^^^i ^^j- (^®' ff^^^) g^^ss; laus, n. (as. hlöt) Loos;
rauk, m. (vgl. as. 7'ök) RauCh; kaup, m. (as. köp) Kauf; 'aup, ""aupan,
m. (as. höp) Haufen; raut, adj. (as. röd) roth; laun, n. (as. lön) Lohn;
lauSj adj. (as. lös) los; naut, i. (as. nöd) Noth; auk (as. ök) auch; im
26 I^ie Yocale der lippischen Mundart.
piaet. indic. der zur sog. M-Klasse gehörenden Verben: f^rlauB verlor;
fraus fror; taux zog; flaux flog; hrauf schrob; laux log etc. austam,
dat. pl. (vgl. as. östar) Ostern.
b) as. 6 in offener Silbe >> lipp. au:
laupan^ stv. (vgl. as. aklöpan) laufen; hmp9n^ swv. (as. k^6v^ kau-
fen ; auj^9^ n. (as. 6g<i) Auge ; awr^ n. (as. örd) Ohr ; ha/una^ f. (as. hönc^
Bohne.
Anm* l^^Jjudeii oben angegebenen Ortschafteiit welche den Diph th ong eu be-
nutzenj^ lauten die bfttt^f*?/ty.!l_W'?ff^^"^ • ^*'^«<, n. BrQlu„JCT/fifj ."^^j gross j^drewm,.
m. Traum^i^ tr^g^ n. Auggi. &f3<«ar.iLBnhnft...
2. Sehr selten nur wird as. 6 auch im Lippischen durch ^ ver«-
treten (vgl. § 103, 7), z, B. c?^t, m. (vgl. mhd. töre) Thor.
3. Die Veränderungen, welche as. 6 ausser der Vertretung durch
au und eu erleidet, sind folgende:
a) es wird in einzelnen Wörtern zu o verkürzt (vgl. § 78), z. B-
^ oxtiiut^ f. (zu as. h6h und t%d) Hochzeit; koft9 (zu as. k6p(nC) kaufte;
lofta (zu as. ffilötian) glaubte; doft9 (zu as. döpian) taufte.
b) es geht durch i-Umlaut in oi (§ 10) über (vgl. § 53), z. B. bloi9y,
adj. (as. blöd) blöde, schwach; troißtan, swv. (as. tröstian) trösten;
[troi8t9%oty m., d. i. Tröstegott, scherzhafte Bezeichnung für Knittel;)
doiperiy swv. (as. döpian) taufen; droim9n, swv. (as. drömian) träumen;
'ot*r», swv. (as. hörian) 1. hören; 2. gehören; SotUy adj. (as. siöni)
schön; loib9n^ swv. [bs, giUtian) glauben; boiz9y adj. (Ps. böslicho, adv.)
böse; '^oi/9r, comp. (as. * höhir) höher.
Anm* 2* Nur ausnahmsweise erscheint o als t-Umlaut des as. 6: Sde, adj. (vgl. as..
^nödi) öde, leer.
c) es erfährt durch die Mittelstufe des «-Umlautes Verkürzung zu
ö (vgl. § 78,2), z. B.
'ö/fe, f. (as.* höhiiha) Höhe; ;crö*^^r, comp, (as.* grötir) grösser;
köft kauft; döft (as. döpid) tauft; löfi (as. gilötid) glaubt.
As. ü.
§ 30. As. und allgemein germ. ü wird in der lippischen Mundart
vertreten durch den Diphthong tu (§ 11).
1. a) As. ü in geschlossener Silbe > lipp. tu:
lutj präp. (as. t2^)aus; kr^ut, n. {as.krüd) Kraut; rfum, m. {as.rüm)
Raum; 'ius, n. (as. hüs) Haus; btuk, m. (as. buk) Bauch; JfwT, m.
(as. bür) Bauer; ifwrwÄ^, f. 1. Ort, an welchem die Bauerschaft ihre
Berathung hält, 2. die Berathung selbst; fiulj adj. (Gl. JAps, fül-ithaj f.)
faul; ^tut, f. (as. hüd) Haut; tfun, m. (as. tun) Zaun; mius, f. (mnd.
mü$) Maus.
b) as. ü in offener Silbe >> lipp. tu:
tiukan, stv. (vgl. as. antlükan) ausziehen ; bfiukenj swv. (as. brAkan)
n. Theil* Uebersicht d. lipp. VocaUystems auf Grundlage d. as. Vocalsystems. 27
biauehen; diut9j f. (as. düta) Taube; litid9f adv. [s^s.hMdo] laut; dfuma^
m. (as. dümo) Daumen; dfuzent, num. (as. thüsundig) tausend; kritik9y
f. (EssBN. >Hbbbr. krüka) Kiug; driuta, f. (Gl. Prud. thrüfo) Traube.
2. Nui ausnahmsweise ist as. tl im Lippischen durch 4 vertreten
(vgl. § 103,5): sü^, f. (ahd. sü) Sau.
3. Neben dem Diphthong fw erscheinen für as. ü in einzelnen
Fällen noch folgende andere Laute:
a) as. t^ ;> lipp. u. Diese Verkürzung zeigt sich nicht häufig
(vgl. § 76, § 81,3^*). Beispiele:
truton, swv. (as. irüön) trauen ; butan, swv. (as. büan) bauen. Secun-
dar es as. ü ist verkürzt in dem Worte uzta, f. (as. ühta) Morgen-
dämmerung.
b) as. ü wird durch t-Umlaut zu rd (vgl. § 52):
lütten, swv. (vgl. as. ahlüdian) läuten; r^imarij swv. (vgl. as. rümian)
räumen; mürrn, swv. (vgl. as. mürä) mauern; kruits, n. (as. krüci^ lat.
cntx) Kreuz; krüitsen, swv. als Unterschrift drei Kreuze setzen ; bryiman^
m. (vgl. as. hrüdig<nno) Bräutigam.
III. Die den as. Diphthongen entsprechenden
lippischen Laute.
^31. Die Diphthonge des As. sind io und tu. Beide beruhen
bekanntlich auf germ. eu\ vor einem suffixalen a wurde durch Assi-
milation das u des Diphthongen zu o : so vollzog sich die Spaltung in
eo und eu. Die weitere Entwicklung dieser Formen zu io und tu
erfolgte nach dem Lautgesetze, dass die vocalisch^ Mittelstufe e ak
erster Oomponent eines Diphthongen in i übergeht (vgl. Piper, Spr.
und Litt. Deutschi. S. 188). Diese auf dem ursprünglichen Vocale der
Nebensilbe beruhende Spaltung des germ. eu ist auch in der lipp.
Mundart erhalten; dem as. io entspricht in der Regel der Diphthong
dBUy dem as. iu entspricht der Diphthong üi.
(Die weiteren Ausführungen über die Entwicklung der lipp. Diph-
thonge aus den as. Diphthongen vgl. in§ HO — § 111.)
As. io.
§• 32. 1. a) As. io. in geschlossener Silbe > lipp. {eu (§ 9):_
d€Buf, m. (as. thiof) Dieb; tew/J adj. (as. Hof) lieb; Itmefte, f. Liebe;
dtmipj adj. (as. diop) tief; bcewr, n. (as. bior) Bier; dcewr, n. (as. thiorna)
Mädchen.
b) as. io in offener Silbe ]> lipp. €eu:
bddrcBujdn^ stvi (as. bidriogan) betrügen; bedrcBuJsr^ m. Betrüger;
treuen j stv. (as. tiohan) ziehen; x^;J<:©w^^;^, stv. (as. niotan) gemessen;
28 Die Voeale der lippischen Mundart.
hcBuan^ stv. (as. JtWo») bieten; heeujan^ stv. (ajs. biogan) biegen; Stsutan,
stv. (Ps. skietan) schiessen; Ueujen, stv. (as. liogan) lügen; dmun9n,
swv. (as. Miowd«) dienen; xtButm^ stv. (as. ^eo^a») giessen ; ^<»w^^», stv.
{ajs,ßiotan) ßiessen; farlaeuzan, stv. (ss. farliosan) verlieren.
2. Abgesehen von dieser Vertretung durch eeu, kann as. io im
Lippischen noch übergehen:
a) in e (vgl. § 104, i) : da s^ka, m. (as. siok) der Kranke.
b) in e durch die Mittelstufe des ^ (vgl. § 79):
lext, n. (as. lioht) Licht; fe;c^, adj. (as. Höht] hell, strahlend;
nemdt (as. nioman) niemand.
As. te<.
§• 33. 1. Dem as. Diphthong iu entspricht im Lippischen üi
{§. 10).
a) As. iu in geschlossener Silbe > lipp. y,i:
ßlir^ n. (as. fiur) Feuer; fyi'm^ swv. Feuei hervorbringen,
schiessen; nüitlik^ adj. (vgl. as. niudlikoy adv.) niedlich, hübsch.
b) as. iu in offener Silbe > lipp. Tß'.
un%d'^yx'ry adv. (vgl. as. unhiuri) ungeheuer, in hohem Grade ; aiyi'r^
f. (Gl. Pr. keri'Stiuria) Steuer; dürr, adj. (as. diuri) theuer; Irätj n.
Mädchen; lüie, lüitans, pl. (as. Kudt) Leute; düitdl, m. (as. diutal)
Teufel, d^itsk, adj. (as. thiudisk) deutsch; Düidarkan^ Dim. zu Dietrich;
büial, m. (mhd. biutel) Beutel; büih, f. (mhd. biule) Beule; küila, f.
(mhd. kiule) Keule.
2. Ausser dieser regelmässigen Vertretung durch üi erscheinen
noch folgende Laute für as. iu:
a) as. iu 2> üpp- ^ (vgl. § 104, 2). Diese Contraction zeigen
mehrere der oben angegebenen Wörter in Nebenformen: f4'^i n-
Feuer; du-r^ adj. theuer; si4'rn, swv. steuern.
b) as. iu > lipp. ü (vgl. § 80) :
lüxtan, swv. (as liuhtian) leuchten; lüxto, f. Laterne. Regel-
mässig zeigt diese Verkürzung die 2. und 3. pers. sing, indic. praes.
der sog. w-Kl., z. B. lüxt (as. liugid) lügt; flüxi [a.8. ßiuffid] fliegt;
süt schiesst etc.
§• 34. Wir haben in der vorstehenden Uebersicht auch stets die-
jenigen lippischen Laute mit aufgeführt, welche nur unter bestimmten
Bedingungen oder in Ausnahmefällen die as. Längen oder Diphthonge
vertreten. Sehen wir von diesen vereinzelten Erscheinunjgen ab, und
geben wir nur die regelmässigen Entsprechungen der as. Längen und
Diphthonge an, so erhalten wir folgendes Schema:
II. Theil. Ueber sieht d. lipp. Yocalsystems auf Grundlage d. as. Yocalsystems. 29t
Längen: As. ä > Kpp. p, bei i-üml. o, 4 [ai^ <»w), §24.
» S (genn. ai) > » ai, cbu^ § 26.
)) i >
»
^, m, § 27.
)) 6 (germ. 6) >
))
^W; bei t-Uml. o«, § 28.
» 6 (germ. aui) >
»
Ott, ew, bei t-üml. o«, § 29
)) ü >
))
fw, bei i-XJml. m, § 30.
Diphthonge: » eo >
»
^, § 32.
)) iu >>
»
m, § 33.
B. Die Tocale der nnbetonten Silben.
§ 35* Die as. Vocale in unbetonten Silben sind im Lippischen
meist verkürzt, abgeschwächt oder auch ausgefallen. Als Verkürzung
und Abschwächung ursprünglich vollerer Vocale erscheinen im Lippi-
schen e, e und 9, Dies sind, abgesehen von Entlehnungen aus dem
Hochdeutschen oder Fremdwörtern, die einzigen Vocale, welche das
Lippische in unbetonten Silben kennt. Diese Verkürzung, Abschwä-
chung , resp. auch Syncope der Suffix- und ^äfixvocale ist eine Folge
davon, dass der ursprünglich freie idg. Accent im Germanisehen au
die Stammsilbe gebunden wurde (vgl. die weiteren Ausführungen in
§ 112—125).
I. Die den as. Kürzen entsprechenden lippischen Laute.
As. a.
§ 86. 1. As. a> Kpp. i im Suffix ix (vgl. § 120, Anm. 1), z. B.
"^^eulixj adj, (as. hSlaff) heilig.
2. as. a> lipp. 9 in allen anderen Präfixen und Suffixen, z. B.
farlaeuzdny stv. (as. farliosan) verlieren (vgl. § 116); wätar, n. (as.
watar) Wasser (vgl. § 121, i).
dä'^98, gen. sing. (as. daffos, dages) des Tages (vgl. § 123).
As. e.
§ 87. 1. As. e, Umlaut eines älteren a, > lipp. i im Suffix nis9
(as. ne88i)y z. B. 'feforww^, f. Eilfertigkeit (vgl. § 119, 2).
2. as. e, Abschwächung eines älteren a, >> lipp. d, z. B. fader ^
m. (as. fader ^ fadar) Vater.
daj^Qy dat. sing. (as. d<ige^ daga) dem Tage (vgl. § 123).
As. i.
§ 88. 1. As. i>lipp. i in den Suffixen ix, ik, i^kj lirik^ in (vgl.
§ 119), z. B. penixy m. (as. pennmg) Pfennig; kesarli^kf m. Kiesel;
fründtn, f. Freundin. Ferner in den Suffixen ik, isk (vgl. § 119),
z. B. djitskj adj. verwirrt
30 Bie Voeale der lippisohen Mundart.
2. as. t > lipp. 9 in allen andern Präfixen und Suffixen, z. B.
i^raJpn, stv. (as. Ugraian) begraben; x^cfu/^, f. (a«. githuld) Geduld
(vgl. § 116); r^ut9lz9y n. die zerriebene Masse; ^emal, m. (as. Aimil)
Himmel (vgl. § 121, 2); 'elpat (as. hilptd) hilft (vgl. § 123).
As. o.
§• 89. 1. As. >> lipp. 9j z. B.
boden, m. (as. hodom) Boden (vgl. § 121,^). fisken^ dat. pl. (as.
ß8k(m^ ßskun) den Fischen (vgl. § 123).
As. w.
§• 40. 1. As. w >> lipp. e im Suffix ejj^ (as. unga), z. B. doipeti9^
f. Taufe (vgl. § 119,»).
Alllii« Hin und wieder hört man auch u in diesem Suffix, z. B. maunuii» f.
Meinung.
2. As. tt > lipp. 9 (vgl. § 121, 4), z. B.
aj}^/, f. (as. anguJ) Angel; ^amar, m. (as. hamur) Hammer; in
Flexionen: %n9n^ dat. sing. (as. ha/nun) dem Hahnen (vgl. § 123).
II. Die den as. Längen entsprechenden lippisohen Laute.
As. ä.
§. 41. 1. As. d > lipp. 9 in Flexionen (vgl. § 123), z. B. jÄ«*a,
gent. pl. (as. ßscd^ fiscö) der Fische.
As. t
%. 42. 1. Ab. ^ > lipp. im Suffix ix (vgl. § 120), z. B.
unSüUxj adj. (as. umküldig) unschuldig.
2. As. I > lipp. 9 im Suffix ^n (vgl. § 121, 2), z. B.
Xühn^ adj. (as. guldin) golden; in Flexionen (vgl. § 123), z. B. x^^^i
n. pl. (as. gasti, gesti) Gäste; x^^«^*^^ (as. gdtin) gäben.
As. 6.
§. 43. As. 6 > lipp. ^, z. B. im Suffix 9n bei sw. Verben (vgl.
§ 121, *): wak9n, swv. (as. t(7aA;d/)) wachen; in Flexionen: 8pr6k9, dat.
ßing. (as. spräköy spräkü) der Sprache (vgl. § 123).
III. Theii. Aligemeine vocaiische Erscheinungen.
A. Yocalisclie Erschemnngeii in betonten HanptsUben.
L Umlantserseheiiiniigeiu
§. 44. Mit dem Namen Umlaut bezeichnen wir eine Verschiebung
des Vocalsystemes, die durch den assimilir enden Einfluss benachbarter
Laute hervorgerufen wird. Die Articulationsstelle eines Vocales wird
IIL TheiL Allgemeine vooalisohe Erscheinungen. 31
nach der Seite hin verschoben, wo der Umlaut wirkende Laut gebildet
wird. In der lippischen Mundart kann ein Vocal Verschiebung durch
PalataHsirung, Labialisirung oder Gutturalisirung erleiden. Je nach-
dem der Umlaut durch einen Vocal oder Consonaten entsteht, unter-
scheidet man vocalischen oder consonantischen Umlaut; je nachdem
er durch einen dem jbetreffenden Vocal vorhergehenden oder nach-
folgenden Laut hervorgerufen wird, heisst er progressiver oder regres-
siver Umlaut.
1. Auf Falatalisirung beruhende Umlaute.
§• 45. Palatalisirung können in der lippischen Mundart die all-
gemein germ. Vocale a, o, u, ihre Längen d, ö, ü und der Diphthong
au erleiden. Dieselbe wird bewirkt durch den Vocal i (j) oder durch
die Consonanten r, z (s) ; die Einwirkung ist stets regressiv.
Durch Vocale hervorgerufene Umlaute.
i-Umlaut.
§• 46. Die lippische Mundart besitzt uur einen vocalischen, den
9-Umlaut, welcher, vom Grotischen abgesehen, eine allen germanischen
Sprachen gemeinsame Lauterscheinung ist. Das Umlaut wirkende i
ist in der lippischen Mundart häufig ausgefallen oder zu 9 ab-
geschwächt, daher lässt sich nur durch einen Vergleich mit den
älteren germ. Sprachen der Grimd der eingetretenen Verschiebung
erkennen.
§• 47. Allgemein germ. a wird durch i-Umlaut im Lippischen zu
e (vgl. § 15), wenn zugleich Dehnung stattfindet, zu ?:
1. Germ, a > lipp. e: net^ n. (g. natt) Netz; eskOj f. (ahd. ask(i))
Esche; betQr^ comp. (g. hatiza] besser; ketal^ m. (g. katik) Kessel;
^hnU-ۧuk9 f. (zu ehnts vgl. g. atjis und land^ ahd. elilenti) die allein
(besonders auf der Grenze) stehende Eiche; 'ext, m. (ahd. hachit)
Hecht; wen9n, swv, (g. vandfan) wenden; weltarn, swv. (vgl. g. valf/an)
wälzen.
2. Germ, a > lipp. ?:
b?r9j f. (g.* basi) Beere; w^hn, swv. (g. valjan) wählen; kw^bn,
swv. (as. quelKan) quälen. (Uebergang des lipp. e, f « germ. a) in
i, t vgl. in § 69.)
§ 48, Germ, o wird im Lippischen durch e-Umlaut zu ö (vgl. § 19,2'<5).
1. Germ, o > lipp. ö:
förtarlik, adj. (vgl. as. forhüih) fürchterlich. Li den meisten Fäl-
len entspricht lipp. 6 einem u (ö) der älteren germ. Sprachen, welches
nach dem schon erwähnten Lautgesetze (vgl. § 21) für germ. o einge-
treten ist. Beispiele: wö'fo«, £ (ahd. m«Ä) Mühle; 'öÄÄa, f (vgl. mhd.
hillzinc) Holzapfel; siörtMn, swv. (vgl. mhd. stürmen) stürmen.
32 I>ie Vocale der Uppischen Mundart.
II« Da in der lipp. Mundart die alten Lautgesetze in Bezug auf die Bre«
chuug des ursprünglichen u zu o nicht mehr wirksam sind, so erscheint o s=a urspr. u
auch vor suffixalem * (i) und wird dann ebenfalls in ö umgelautet, z. B. in den
Wörtern slötel, m. (as. slutil) Schlüssel, Sötal, f. (vgl mhd. schü^^el) Schüssel; im
pl. opt. praet der sog. w-Kl. bei stammschliessender stimmloser Consonanz , z. B.
Xöt9n (as. gutin) gössen ; rök9n röchen etc. (Ueber den Wechsel von o und u im Lip-
pischen vgL § 71.)
§ 49. Allgemein germ. u wiid im Lippischen durch «-Umlaut zu ü
(vgl. § 21,2.^), bei Dehnung zu § (vgl. § 21,2,c).
1. Germ, u >« lipp. ü:
lütk, adj. (as. luttik) klein; nüt^^ adj. (as. nutti] nützlich; stüiej L
(ahd. stubbi) staubiger Abfall der Baumrinde; lüstdriy swv. (as. lustian)
gelüsten; kUs9nj swv. (as. kussian) küssen.
2. Germ, u > lipp. il:
k^rdn, swv. (ältei* hurian zu as. kiosar^ sprechen; im pl. opt. prät,
der sog. e/-Kl. bei stammschliessender stimmhafter Consonanz (vgl. § 72)^
z. B. tilJ9n (as. tuMf^ zögen; slijdn sögen.
Anm* u, welches nach dem bekannten Lautgesetze (vgl. § 21) für germ. o-
eingetreten ist, wird ebenfalls durch folgendes i in ü umgelautet: 9U,n9^ f. (as. sun-
dia) Sünde; urdiüixt adj. (ias. umkuldig) unschuldig; bür9nf swv. (ahd. burjan) he-
ben, tragen.
§ BO. Geim. ä wird durch i umgelautet zu S, 4 (vgl. § 24,3. c)^ oder
wenn schon der gewöhnliche Uebergang in g (vgl, §24, i) stattgefunden
hatte, zu o (vgl. § 24,3.^].
1. Germ, ä > lipp. e, 4'.
next^y f. (ahd. näkida) Nähe. In den meisten Fällen hat sich dies-
^, 4 nicht gehalten, sondern es ist weiter zu ai, ceu (vgl. § 24,3'^,^)
diphthongirt:
Xnaidix^ adj. (Hei. ginä^ig^ Ps. [un)ginethig) gnädig; naijdr, comp^
(as.* nähir) näher; saiper, m. (ahd. skäfäri) Schäfer; saijm, swv. (as*
säian) säen ; kraijdn^ swv. (as. kräian) krähen ; naijdn^ swv. (ahd. nähan)
nähen; kaizd, f. (lat. caseus, ahd. cäsi, as. kSsi) Käse.
ferinueujon, swv. (ahd. farsmäkjan) verschmähen; dteuzakop, m.
(vgl. mhd. d(ssicj adj.) Dummkopf, verwirrter Mensch; n€eum9 [as, nämt)
nähme; %(Buid (as. gäbi] gäbe; ceutd (as. äti) ässe; 'xceuten (as. gä%%n)
gäben; Iceujen (as. lägtn) lägen; Iceuzan (as. lä&xri) läsen etc.
2. Germ, ä > lipp. ö:
X^forlik, adj. (mhd. gevcerltch) gefährlich; tod^ry comp. (vgl. mhd»
z€ehe) zäher; kl'orddr (vgl. mhd. klär) klarer; hwordar, comp. (vgl. as.
swär) schwerer; wärest (as. wdri) warst; westfoUk, adj. westfälisch;
Contraction zeigt das Wort orndn, swv. (vgl. mhd. ätemen und cetemerif
swv.) mit dem Athem erwärmen.
§ Bl. Germanisch 6 geht durch t-üml. im; Lippischen in den
Diphthong oi (vgl, § 28,'^'^) über. Ob Diphthongirung oder Umlaut
(
m. ThfiiL Allgemeine vocalische Erscheimangen. 33
zuerst eintrat, lässt sich nicht mit Gewissheit ep^tscheiden ; das Mnd. hat
den Umlaut noch nicht regeknässig entwickeW [hödan, swv. hüten etc.)-
1* Germ, ö > lipp. oi:
soikeuj swv. (as. sökian) suchen; n^oia^ adj. (ahd. muodi) müde;
rgi'rn, swv. (ahd. hruoren) rühren, berühren; tooisto, adj. (as. wösti)
wüst; Sto^unsotBry m. (vgl. ahd. ä«o^^*) Schweinehirt; ;fdmo«i^, n. (mhd.
gemüese) Gemüse; yb/fow, swv. (mWd. t?i«efe;2) fühlen; spoilanj svrv, (mhd.
spüelen) spülen; /rp«, adj. (prifid. vrüeje) früh.
§ 62. Gerroj^'ctoch i-Umlaut > lipp. üi (vgl. § 30,?»^):
mürrn, swv^ijir^. as. mtira) mauern; rtßmdn, swv. [dih^., rümen) räumen;
lüitdrij swjpr (ahd. hlüten) läuten; süirn^ swv. (mhd. Ätwre;?, 5«^re;^) säuern;
snüitany syvY. [mhd, sniuzen) schneuzen; trQnkry,iz9l, va. (vgl. mhd. Ar^^e)
Thra^ämpchen.
§ 63. Germ, au durch t-ümlaut >> lipp. oi (vgl. 29,3»^):
troistdr^ m. (ahd. tröstäri) Tröster; ^oirnj swv. (g. hamjan) 1. hören,
gehören; droimdn^ swv. (as. c?rd/72«w) träumen; J/oe^, adj. (ahd. blödtj-
löde; «om, adj. (as. sköni) schön; boize, adj. (ahd. bösi) böse.
' Durch Consonanten hervorgerufene Umlaute.
§ 54. Die durch consonantischen Einfluss entstandenen Umlaute
/ erscheinen nicht regelmässig, sondern nur in einzelnen Fällen, das eine
/ Wort ergreifend, das andere, welches ganz gleiche Bedingungen zum
.' Umlaute aufweist, überspringend. So würden sie nur von geringer
^ Bedeutung sein, wenn nicht ihr Vorkommen in sonst vielfach ab-
weichenden Dialecten bewiese, dass ihnen dennoch weit verbreitete
Lautgesetze zu gründe liegen. '
Palatalisirung durch r und z [s),
§ 55. Das lippische uvulare r (wie überhaupt jedes uvulare r,
vgl. ViETOR, Elem. der Phon, und Sievers, Phon. S. 104) ist aus einem
früher präpalatal oder alveolar gebildeten r-Laute hervorgegangen.
Dass ein solcher die Palatalisirung eines vorhergehenden gutturalen
Vocales veranlasste, erklärt sich leicht (vgl. den nord. r-Umlaut Noreen
Altn. Grammatik, S. 29 ff.); ebenso begreiflich ist es, dass der Umlaut,
wenn er überhaupt regelmässig eingetreten war, mit dem Uebergange
des alveolaren in uvulares r allmählich wieder verschwand, resp. sich
nur in einzelnen Wörtern (vielleicht durch besondere Lautverhältnisse
begünstigt) erhielt.
Die stimmhafte Spirans Zj welche postdental gebildet wird (vgl,
Einl. I, B,2) und sehr häufig mit r wechselt [frceuzdn frieren, fr&rdn
gefroren etc.), hat im Lippischen auch einigemal Palatalumlaut be-
Yocale der lipp. Mundart. o
\
34 \Die Vocale der lippischen Mundart.
wirkt; derselbe hält sih^, auch wenn z im Auslaute zur stimmlosen
Spirans b (vgl. Einl. I, B>^ wird.
Wörter, in denen r- remr 5;-Umlaut erscheint, sind in der lippischen
Mundart nicht häufig:
1. derm, m. (as. tharm) li^^rm; hört, n. (as. hord) Brett mit einem
Rande, welches an der Wand belS^tigt wird ; dörp, n. (as. ihorp) Dorf;
dü'r, präp. (as. thurh] durch; bei ^lk(g^ ^ • (Grafschaft Mark: mär seh,
vgl. WoESTE, Wörterbuch der westfälTlOTNi^) Marschland, ist Ausfall
des Umlaut wirkenden r eingetreten. In d^SiS^^crn o\rn, n. (as.
hörn) Hörn, ceun koirn (wörtlich: ein Korn, as. Aonld^i^ wenig, ein
bischen, hat ausser Umlaut noch Diphthongirung stat^jÜl^^®^ (^gl-
§ 67).
2. süs, conj. (ahd. sus) sonst; ^res, n. (as. gras) Gras, dat. sin^- ^^^
^r^zd dem Grase.
(Vgl. auch die as. Formen gles und glas, Heyne, Gloss. zu cflen
Kl. altn. Denkmälern.) ^
\
2. Auf Labialisirung beruhende Umlaute. v
§ B6. Die Labialisirung eines Vocales besteht darin, dass derselbe
mit der Mundstellung des o, resp. u gebildet wird. Eine solche Labialir ',
sirung kann begreiflicherweise nur die Palatalvocale e und i und den >
Gutturalvocal a (resp. ihre Längen oder Diphthonge, in denen sie ^
enthalten sind) treffen; die erster en werden dadurch zu ö, ü (o, w), der
letztere zu o, w (ö, w). Die Labialisirung eines Vocales wird in der
lippischen Mundart nur durch Consonanten hervorgerufen, am häufigsten
durch /, x^j^ ^y/) m, p. Es bedarf zur Labialisirung nicht ausschliess-
lich eines benachbarten Consonanten, der mit o- oder w-Rundung ge-
bildet wird, sondern es genügt, wenn nur überhaupt Lippenarticulation
stattfindet, mag diese bilabial [m,p) oder auch labiodental {w,f) sein.
Labialisirung durch / und r.
§ 57. Dass das jetzige lippische Z, welches mit spaltförmiger
Mundöffnung gebildet wird, und dessen Enge an den Alveolen liegt,
die Labialisirung eines vorhergehenden Vocales hervorgerufen hat, ist
nicht wahrscheinlich. Vielmehr dürfte die Labialisirung aus einer
früheren Entwicklungsphase der lipp. Mundart stammen, in der bei
Bildung des / gutturale Articulation (verbunden mit Rundung?) statt-
fand. Auf eine solche deutet auch Entwicklung eines u vor /, die
sich in westfäl. Urkunden schon vor 1500 findet (vgl. §66, Anmerk. 2.
üeber Labialisirung vor engl. / und dessen gutturale Articulation vgl.
ViETOR, Elem. der Phon. S. 133).
1. Aelteres a vor / + Cons. > lipp. o, bei i-Uml. b\
S
\
III. Theil Allgemeine vocalische Erscheinungen. 35
ol9 (as. all) alle; old7'j n. (as. aldar) Alter; olorUj swv. altern; öfor,
comp, älter; öbm, pl. Eltern; solty n. (as. salt) Salz; soltarxj adj. salzig;
(eunföltixj adj. (vgl. g. ainfalps) einfältig, dumm; x^^^^^i ^« [^^^ ffiwald)
Gewalt; Smolt (as. smalf} schmolz; 'o/p (as. fialp) half; wo/A molk.
Anm* Labialisirung des a scheint ursprünglich nur vor / + Dent stattgefunden
zu haben, in den anderen Wörtern liegen wahrscheinlich nur Analogiebildungen
Tor. (Vgl. Grimm, Grammat. I, S. 387.)
2. Aelteres e, e, i vor / + Cons. > lipp. ö, ü:
'ölsk, adj. (mhd. hellisch) sehr gross, ungeheuer; w^a, f. {aj8, helpa)
Hülfe; mülmj m. (as. melm) Staub; mülmarn, swv. stauben; sülb9mt
(g.silba) selbst; sülf kante ^ £ Tuchegge; sülSarxrösenj m. (vgl. ajB.silutar)
Silbergroschen; in ölbon, num. elf, ist ein secundäres e labialisirt (vgl.
g. ainlif).
§ 58. r und zwar besonders r + Cons. hat in einzelnen Wörtern
ebenso wie / labialisirend gewirkt. Diese Einwirkung des r stammt
offenbar aus einer Zeit, als das ursprüngliche Zungenspitzen-r schon
in ein uvulares r übergegangen war. Das letztere wird im Lippischen
in der Regel mit geringer Lippenrundung gebildet.
1. Aelteres a vor r {+ Cons.) > lipp. o {g), bei i-Uml. ö (g):
XQ-rrij m. (as. gardo) Garten; xömer, m. Gärtner; xör;^^r^^, swv.
Gärtnerei treiben; köre, f. (lat. carrtiSj mhd. karre) Karre; hörkdr^ m.
Karrenführer; xörrh, n. (ahd. gam) Garn; hgro, i, (as. harda) Beil;
iQ'rt^ m. (ahd. hart) Bart; Q'r% f, (ahd. art) Art; qrix^ adj. artig; horxy
m. (ahd. harc) Schwein; wortelj f. (ahd. warza) Warze; inorken, swv.
{mhd. snarchen) schnarchen; borke, f. (an. byrkr) Baumrinde.
2. Aelteres e, % vor r (+ Cons.) > lipp. ö, ü (i?):
börka, f. (Nebenf. berke, mnd. berke) Birke; borken, adj. von Birken-
holz. — ^r, dat. sing. fem. (as. iru) ihr. — förtixy num. vierzig, zeigt
Uebergang eines secundären e in ö (vgl. as.ßortig, ßartig),
Labialisirung durch/.
§ 69, Die durch lipp./ (einerlei, ob organisch oder = alt. h, g, w)
hervorgerufene Labialisirung ist auf die Gebiete im Südosten von Det-
mold beschränkt, aber hier durchaus die Regel. Jedes dem / voran-
gehende lipp. e (= alt. ey e oder secundär) und i (= alt. i oder secun-
där für i etc.) wird zu ö, ü.
Beispiele:
1. tößn, num. (sonst teßn, as. t^han) zehn; sößn, swv. (sonst sejen,
as. seggian) sagen; lößn, swv. (sonst leßn, as. leggian) legen; ößr, pl.
(sonst eßr, vgl. ^n. egg) Eier; wöy^^j, swv. [korkst neßn, vgl ^. gnegg/a)
wiehern.
36 ^^^ Vocale der lippischen Mundart
2, frU/9n, swv. (sonst yW/aw, vgl. g^fryön) heirathen; düjBn^ swv.
(sonst dijan^ vgl. as. thihan) gedeihen; spüjm^ swv. (s. spißn^ ahd.
sptwan) speien; nUj9j adj. (s. mje, as. nitoi) neu; den brüjQj dat. sing,
(vgl. mhd. hr(] dem Brei.
Anni* Diese Umlaute ö, ü bleiben auch dann, wenn im Auslaute x ^ür^ ein-
tritt, da der erstere Laut ganz dieselbe Lippenarticulation hat wie^, z. B. d/;^, n..
Ei; früXi adj. frei; brüx ^a. Brei.
Läbialisirung durch w^ /, m, p etc.
§ 60. Die durch w hervorgerufene Läbialisirung eines Vocales
ist eine Erscheinung, die sich in einzelnen Wörtern schon im As. und
Ahd. findet, w wirkt in der Regel progressiv, dasselbe labialisirt ein
folgendes a zu o, u (resp. bei e-Uml. zu ö, ü], ein folgendes e, e, i zu
o, u [ü] öj ü,
Beispiele:
1. Aelteres a liegt zugrunde in dul, adj. (schon as. dolj g. dvals)
thöricht; sök9 (schon as. sultk, g. svaleiks) solcher. Neueren Ursprung»
dürfte die Läbialisirung sein in toukalnj swv. (zu as. wegan^ In Bezug
auf den Uebergang des ^ in k vgl. lipp. stW^dn, stv. saugen, und
8uk0lnj swv. saugen) schnell hin^und her bewegen.
2. Aelteres 6, ^', i liegt zugrunde in wohn^ anv. (schon ahd. wollan
neben wellan) wollen ; A«^^«, stv. (schon as. kuman^ ^UtiA^quemm^ kommen;
M^ m. (ahd. swelli, sonst oberd. auch süUe) Schwelle. Neuern Ur-
sprungs ist die Läbialisirung wahrscheinlich in sü8t9rj f. (as. swestair)
Schwester; ticölbay num. (as. twelif) zwölf; tüsken^ präp. (Nehenf,
iwiskon) zwischen ; wüpsn, swv. (vgl. mhd. wipfen) sich schaukelnd hin
und her bewegen; wüpkdns, pl. Scherz, Possen-
§ 61. Vor y*, welches die gleiche Lippenarticulation hat wie w
(vgl. Einl. I, B, ^) erscheint nur selten ein labial umgelauteter Vocal:
füftix^ num. (Ess. Bruchst. ftftech) fiinfeig, zeigt Umlautung eines se-
cundären i\ rüfdln^ swv. (vgl. ahd. refsen) heftig schelten.
§ 62. Läbialisirung eines Vocales durch ein folgendes m erscheint
noch nicht im As. , wohl aber finden sich bereits im Mnd. einige Bei-
spiele dafür, z. B. fremde^ adj., as. fremiSi.
In der lippischen Mundart zeigt sich ;w-Umlaut nur selten: frömty
adj. {as.fremtÖi) fremd; frömdOj f. die Fremde; mömo, f. (vgl. IVoestej
Wörterb. der westfäl. M. unter »mömme«) Mutter. — iümal, m. (mhd.
schimel) Schimmel'/ ümdTj f. (mhd. hintber) Himbeere; brilmzanbuskj m.
(vgl. mhd. brimme) Ginster, Heide.
§ 63. p hat labialisirend gewirkt in den Wörtern: pöp9r, m;
(lat. j»t]per) Pfeffer ; möp9ly m. (N ebeni. metdl) dicker Grashalm, auf
den die Bender Erdbeeren reihen. Li dem Worte y^skopa^ as. skepi^
III. Thpil. Allgemeine vocalische Erscheinungen. 37
welches bei Zusammensetzungen, wie früntskop, f. Freundschaft, sei-
skop, f. Gesellschaft, vorkommt, ist vielleicht cÜe Betonung nqben p von
Einfluss gewesen (schon mnd. fruntschop etc.) .
§ 64. In vereinzelter Weise erscheint Labialisirung in den Wörtern :
ilnsn dat. pl. (g. im) ihnen; 8tün9n, swv. (mhd. stenen] stöhnen;
sünt9^ adj. (Sauerl. sente) lat. sanctus. — düsd^ dös9 (as. thesa) dieser;
fösk9nj swv. (as. leskan) löschen.
prök9lnj swv. (vgl. engl, to prtk) mit einem spitzen Gegenstande
etwas berühren, losmachen ; prökdlstok^ m. Stock mit einer eisernen
Spitze ; müksoly n. (vgl. [lipp. mikoln, swv. mit kl. Buchstaben schreiben)
allerlei kl. Pflanzenreste.
3. Auf Gutturalisirung beruhende Umlaute.
§ 66. Unter Gutturalisirung verstehen wir die Erscheinung, dass
die Palatalvocale e, i oder die mit Rundung gebildeten Gutturalvocale
o, u ihre specifische Articulation aufgeben und in ein ohne alle Lippen-
articulation gebildetes a (§ 2) übergehen. Gutturalisirung erscheint
im Lippischen nur in wenigen Wörtern, am häufigsten vor r und /.
Vor den gleichen Consonanten findet sich Gutturalisirung eines älteren
e auch im Englischen (heart^ as. h'erta) und im Mnd. [werk und wark,
n. Werk; toalj as.welüj wohl etc.), sie ist demnach als ein dem Niederd.
überhaupt eigener Lautvorgang aufzufassen.
Anm. 1. Wahrscheinlich ist das lippische uvulare r früher ohne Lippenarticula-
tion gebildet, sonst würde es eher, wie auch jetzt noch (vgl. § 58) labialisirend ge-
"wirkt haben. Ueber Bildung des / und eine eventuelle gutturale Articulation des-
selben vgl. ViETOB, Eiern, der Phon. B. 133 ff. Auch das lipp. / mag (wie r) ver-
schiedene Articulationsphasen durchlaufen haben, von denen sich Spuren in der
Gutturalisirung benachbarter Vooale erhalten haben (vgL § 57).
Wörter, in denen sich Gutturalisirung eines Vocales vor r und /
findet, sind im Lippischen folgende:
1. Aelteres e\ i > lipp. a\
fast m. (as.Jirsti) Spitze des Daches; x^^^j f- (Nebenf. x^^te, as.
g'&rsta) Gerste; x^^^h f- (vgl- Schill, und Lübb., Mnd. Wörterb. unter
»gersteU) Quast zum Firnissen des Brotes, x^^^^j swv. Brot firnissen.
Neueren Ursprungs ist die Gutturalisirung in dem Worte Barl^un Berlin.
waly adv. (mnd. wal und wol^ as. wela) wohl; twalk, m. Lolch
(Grafschaft Mark: twerk, vgl. andere Formen bei Wobste, Wörterb. d.
westf. Mundart unter Hwerk«),
2. Aelteres o {u) > lipp. a: karwiuUn, pl. (mwestf. TJrk. cornöten,
WoESTE, Wörterb. d. westf. M. S. 121) Genossen;
' alunoTj m. (as. holondar) Holunder. Zu lipp. ' anix, m. Honig
vgl. die Formen hanig und honig in der Freck. Heber. In den Wörtern
38 I^i® Vocale der lippischen Mundart
zaldota, m. Soldat, und Sarsceu, f. Chaussee, ist der Umlaut neueren
Ursprungs.
Anni« 2« Einzelne Wörter zeigen im Lippischen ein a statt eines b' in den älteren
germ. Sprachen. Doch dürfte hier nicht Gutturalisirung, sondern nur ein anderer
Ablaut vorliegen, z. B. in erda89f f. (ahd. egi-dähsay aber Gl. A. egi-tkassa) Eidechse ;
dräw9y f. (vgl. mhd. trüber, aber mnd. draf} Treber ; inätern^ swv. einzäunen (zu as.
b'doTf in Bezug auf lipp. < « as. d vgl. lipp. krüitaTf pl. mit as. krüd). In lipp. la-
henixt adj. (ahd. Uhentig) lebendig, ist vielleicht die geänderte Betonung von Ein-
fluss gewesen. — Zweifelhaft ist das ä in upjän^n, swv. (mhd. gSnen, ginen, swv.)
Mund oder Schnabel aufsperren.
II. Brechung.
§ 66. Mit dem Namen Brechung bezeichnen wir die Erscheinung^
dass aus dem Stimmton eines Sonorlautes ein durch dessen Lippen-,
eventuell durch dessen Zungenarticulation modificirter Vocal entsteht,
welcher vor dem betreffenden Sonorlaute gebildet wird, und welcher
mit einem vorhergehenden Vocale sich zu einem Diphthongen verbin-
det. Im Lippischen kommt diese Lauterscheinung nur vor Consonan-
tenverbindungen vor, die mit Z, r, w beginnen; der zweite Laut ist
Liquida, Nasal oder Dentalis. Dieselbe findet nicht regelmässig statte
sondern sie erscheint nur sporadisch in einzelnen Wörtern.
Anni« !• Den Namen »Brechung« wählen wir für die besprochene Lauterscheinung
aus dem Grunde, weil diese Bezeichnung auch für ähnliche Lautvorgänge in andern
germ. Sprachen benutzt wird (vgl. z.B. Sievers, Angels. Grammat. § 77 ff.). Doch
bemerken wir ausdrücklich, dass keinerlei Zusammenhang besteht zwischen dieser
durch Einfluss von Consonanten bedingten Brechung und der durch vocalischen Ein-
fluss hervorgerufenen »Brechung« eines ursprünglichen i zu e und eines ursprüngli-
chen w zu (vgl. § 17, 1,1) und § 19).
1. Vor l + Dent. entwickelt sich aus dem l ein u, welches mit
einem vorhergehenden a zu dem Diphthongen au wird. Beispiele:
aultj adj. (as. ald) alt; d9 auh der Alte; cb aulsko, f. die Alte
(häufige Bezeichnung für Mutter oder Herrin); aulitiks, adv. (mnd.
oldinges] vor alten Zeiten; hauhj adv. (as. haldj adj.) bald, schnell;
kaultj adj. (as. kald) kalt; wault, m. (dat. sing. wauU^ nom. pl. wehr,
vgl. as. wald) Wald; toaultwerkan , swv. schwer und tüchtig arbeiten;
faubj f. (mhd. valtej valde] Falte; ^aubn, stv. (as. haldan) halten.
Aniii«2« Diese Lauterscheinung ist jedenfalls eine sehr alte. Jellinghaus (Westf.
Grammat. S. 26) fand in einer ravensberger Urkunde von vor 1500 die Form nwaulde<i
(dem) Walde. Auch das Englische kennt die Entwicklung eines u vor l, vgl. den Ueber-
gang von dl in dul, von öld in duld, den ViETOR (Elem. der Phon. S. 134) in die Zeit
von 1550—1650 setzt Alles dies deutet darauf hin, dass bei dem niederd. l (ur-
sprünglich) gutturale Articulation (verbunden mit Rundung?) stattfand. Es fragt
sich, welche Stellung die durch / hervorgerufene Labialisirung eines älteren a in a
(vgl. § 57) zu dieser Brechung des l in einen vocalischen und consonantischen Laut
einnimmt. Fand die letztere vielleicht früher statt, und ist o nur wieder Zusammen-
ziehung des durch die besprochene Brechung entstandenen aw? (vgl. z.B. lipp. aüli^
III. Theil. Allgemeine vocalische Erscheinungen. 39
adj. alt und lipp. ol9r, n. Alter.) Die Ursache der Labialisirung des a in o vor
l + Dent. und der Entwicklung eines u vor l + Dent. ist jedenfalls die gleiche,
und es ist möglich, dass nur je von Accent, Dehnung etc. der Eintritt des einen oder
anderen Lautvorganges abhängig war.
2. a) In dem Worte /aift, n. (dat. sing, faih^ nom. ^\. feUr, vgl.
as. feld) Feld, hat sich aus dem Stimmtone des l ein i entwickelt,
welches mit dem vorhergehenden Vocale e zum Diphthongen ai wurde.
Anm« 3* Das jetzige lippische l hat die Lippenarticulation des i, zudem liegt
die Stelle seiner Enge der des t, % nahe (vgl. EinL II, A, 1). Doch dürfte auch
der vorhergehende Palatalvocal e (g) mitgewirkt haben, dass der aus l entwickelte
vocalische Laut zu einem palatalen Vocale wurde. Der Uebergang des durch e + t
gebildeten Diphthongen ei in ai ist als secuudärer Vorgang zu betrachten. '
b) Wenn der dem l vorhergehende Vocal i (e) war, so entstand
bei Entwicklung eines zweiten / aus l der Doppellaut it. Derselbe
wurde im Lippischen zu w«, dem Diphthongen, welcher auch germ. (
vertritt.
Anm« 4« Wir benutzen in diesem Falle üi, nicht ßw, weil mehrere der betreff.
Brechungen nur im Westen des Landes gehört werden (vgl. § 27).
Wörter, welche den besprochenen Lautvorgang zeigen, sind:
spüihj f. (mhd. spute, spelte) das abgehauene und zurecht gemachte
Holzstück, welches zum Durchflechten der Aussenwände eines Hauses
dient; spüih?ij swv. eine Wand durchflechten; 'we'fo, f. ein niedriger
Kaum über dem Stalle im Bauernhause (in andern westfäl. Dialecten
hilde und htlla),
3. Vor n entwickelt sich unter Mitwirkung eines vorhergehenden
i (e) der Diphthong üi in den Wörtern:
_küintj n. (im Osten meist ktri JU vgl. § 92, as. kind) Kind (dat. sing.
küinOj nom. pl. kimr)] srüinon, swv. (vgl. mhd. schrinden) schrinden
(wird von der Haut gesagt, wenn sie Hisse bekommen hat oder abge-
schabt ist). Nach hrüindn ist die falsche Analogiebildung spüinan^ stv.
(ahd. spinnan) spinnen, erfolgt, die neben spinen hin und wieder ge-
hört wird. In den Namen Müintkan Minchen und Düintkan Dinchen,
ist Brechung nach Einschiebung einer unorganischen Dentalis einge-
treten.
§ 67« Etwas anders als die bis jetzt besprochene Brechung dürfte
die Erscheinung aufeufassen sein, dass ein o (ursprüngl. o) vor r -|-
Cons. im Lippischen durch den Diphthong aUy ^u vertreten wird. Wahr-
scheinlich hat hier zuerst (allerdings durch r -f- Cons. hervorgerufene)
Dehnung des o zu o stattgefunden (eine solche zeigt z. B. das Mnd.:
törn Thurm, hörn Hörn, wört Wort etc.), sodann ist dieses secundäre
lange ö wie ein organisch langes behandelt und gleich diesem diph-
thongirt. Beispiele für den betreffenden Vorgang bieten die Wörter:
a) kau-rn, n. (as. körn) Korn; tawrn^ m. (Ps. turn) Thurm;
^awrn Hörn, Ortsname (Nebenf. *^tw).
40 ^'^^ Vocale der Uppischen Mundart.
In den Wörtern 'oim, n. (as. hörn) Hörn, dovm^ f. (as. thorn)
Dorn, ^oirn, f. (g. haürds) Hürde, ist ausser Diphthongiiung noch Pa-
latalumlaut eingetreten, durch r oder ein früheres suffixales i veran-
lasst (vgl. § 55, 1).
b) Diphthongirung eines o [g] zu ^u vor r + Cons. hat stattge-
'funden in:
w^wrt^ n. (pl. woira, as. wo7'dy mnd. wort) Wort; ^urt, m. (mhd.
ort) Ort, Stelle.
HL Wechsel von e und i.
§ 68. Das bekannte germ. Lautgesetz, nach welchem e nur vor
gedecktem Nasale oder i in i überging, ist in der lippischen Mundart
nicht erhalten, das zeigen Formen wie xi^^^j stv. (ahd. gehan) geben,
nlmeUj stv. (ahd. neman) nehmen. In diesen Wörtern hat sich e nicht
behauptet, in anderen dagegen, wo jenes Lautgesetz ein i erwarten
liesse, ist e geblieben, z. B. in spenOj f. Spinne (aber spinenj stv., vgl.
ahd. spinna und spinnan, stv.); rena, f. Dachrinne (aber rinan^ stv.,
vgl. ahd. rinna xm^rinnan, stv.); SwemaUj stv. (ahd. swimman) schwim-
men; sletrij adj. (mhd. slimp) schlimm.
In der Conjugation haben wohl Analogieen, frühzeitiger Ausfall
des suffixalen i und Abschwächung des suffixalen a dazu beigetragen,
den alten Wechsel von e und i aufzuheben. Die lippische Mundart
behält durch den ganzen Indic. praes. den Vocal des Infinitives, es
heisst:
{'(Bu) "^elpt (as. hilpid) (er) hilft, drept (as. dripid) trifft, et (as. itid)
isst, xift (as. gitid) giebt; der gleiche Vocal bleibt im Plural: (scbu)
"^elpdt (as. helpad) (sie) helfen, drepdd {m. drepad) treffen, etat (as. etad)
essen, x^^^^ i^- 0^cid) geben.
1. Sind so die alten Lautgesetze, welche für den Wechsel von e
und i massgebend waren, verwischt, so lässt sich auf der andern Seite
doch wieder eine gewisse Regelmässigkeit bei der Wahl des a, resp.
i erkennen. Zunächst übt die folgende Consonanz Einfluss aus, vor
r findet sich vorzugsweise e, resp. ? (vgl. Beisp. § 94 und § 95). Die
Doppelformen drütix und der fix (as. thritig) dreissig, zeigen, dass ein
vor r tretendes ü (resp. «, vgl. § 27, 3, ^) in e übergeht. Dagegen wird
vor gedecktem Nasale, besonders w-|-Cons., i bevorzugt; einige Aus-
nahmen abgerechnet (vgl. die oben angegebenen Wörter spem^ rerid etc.J,
ist i hier entschieden die Regel (vgl. Beisp. § 18, ^). Ein e in Fremd-
wörtern geht vor w-f-Cons. in i über, z. B. inßnstar, n. (lai. fenestra,
mhd. venster) und ein as. e kann vor gedecktem Nasale, nachdem es
verkürzt ist, zu i werden: ttüintix, num. (as. twentig) zwanzig. Die
Liquida l scheint ohne Einfluss zu sein, vor derselben findet sich so-
wohl i wie e: lipp. mülmj m. Staub, ^ülpa, t Hülfe, weisen auf älteres
in. Thefl. Allgemeine yocalische Erscheinungen. 41
milm und ""tlpa (vgl. § 57,^), as. melm und helpa. melkd f. (ahd. milch)
Milch^ help, n. (ahd. skiluf) Schilf, haben e vor /.
2. Noch entscheidender für die Wahl des e oder i als die folgende
Consonanz ist die Quantität der betreffenden Silbe. In gedehnter
Silbe vor stimmhafter Consonanz erscheint weit häufiger i, resp. f als
e. Es heisst im Lippischen: »ffe/, m. (as. nedalj Nebel; xi^^^i stv.
(as. geian) geben; x\w9l^ m. (as. gevil?) höchste Spitze des Daches;
lii9n^ swv. (ahd. leben) leben; klfb9n, swv. (ahd. kleben) kleben; "^l/art,
m. (mhd. heher) Häher; dyol, m. (mhd. leget) Tiegel; krfwaty m. (mhd.
krebe^ Krebs.
Vor stimmloser Consonanz kommen wohl Doppelformen vor, die
bei Dehnung f , bei Kürze e haben , z. B. weka und vjikdy f. (ahd. w'ehha)
Woche.
Anm« Selten nur findet sich e (=» ^ vor lipp. stimmhafter Consonanz : ht^r,
f. (ahd. l'ehara) Leber. — 8eiJ9n und «**?», num. (as. situn) sieben, werden neben
einander gebraucht; letam, swv. (mhd. liheren) liefern.
§ 69. Wie in der lippischen Mundart der Unterschied zwischen
e und e verwischt ist imd für beide Laute e gebraucht wird (vgl. § 15
und § 16), so ist diese Gleichförmigkeit auch darin festgehalten, dass
altes e unter den angegebenen Bedingungen die gleiche Neigung wie
altes e hat, in i (i) überzugehen.
Zunächst geschieht dies gern vor gedecktem Nasale: minskd m.
(as. mennisko) Mensch, britidn, swv. (as. brengian) bringen; Ut^kst, m.
{ahd. hengist) Hengst; iridl, m. (as. engil) Engel.
Sodann zeigt sich auch nicht selten bei Dehnung f statt eines
älteren e:
ijj^n, praep. (as. ^ö^twj gegen; 'ßjont^ f. Gegend; mnan, swv. (as.
giwennian) gewöhnen; UD\r9n, swv. (neben w^ran, as. werrian) wehren,
hindern ; kydl^ m. (mhd. kegel) Kegel ; tln9ny swv. (mhd. zenen) reizen,
ärgern; kl9, f. (lat. catena) Kette; %zdl^ m. (lat. asinus) Esel.
Vor stimmloser Consonanz erscheinen auch hier Doppelformen:
bikd und bekd^ f. .(durch e-Uml. bei verändertem Genus aus as.
bacl) Bach.
JLnni. In einzelnen Wörtern findet sich auch ein kurzes i für älteres e, z. B.
^n%J9, (f. mhd. snecke) Schnecke; 'w^n, swv. (mhd. hetzen) hetzen.
§ 70. Die gleichen Gründe und zwar besonders Quantitätsver-
hältnisse, welche im Ijippischen nach Aufhebung der alten Lautgesetze
<üe Verwendung des e, resp. i, f (= germ. e) entschieden, führen in
der lippischen Mundart einen häufigen Wechsel von ursprünglichem
i {= idg. t) und e herbei. Bekanntlich konnte das erstere in den
älteren germ. Sprachen durch suffixales a zu e gebrochen werden, ohne
dass jedoch diese Umänderung consequent durchging (vgl. Piper, Spr.
und Litt. Deutschi. S. 183). Wie die in § 17, 2,b angeführten Bei-
42 Die Vocale der lippischen Mundart
spiele zeigen ; erscheint im Lippischen häufig e für altes idg. i. Auf
einer Brechung durch suffixales a kann dieser Wechsel jschon darum
nicht beruhen, weil er sich auch in Wörtern findet, die im Germ, nur
als einsilbige erscheinen, z. B. lipp. eh (g. ik) ich.
Sodann ist es auch durchaus unwahrscheinlich, dass ein Suffix-
vocal in einer weit späteren Entwicklungsphase einer Sprache, als er
naturgemäss schon abgeschwächt sein musste, stärkere Assimilations-
kraft entwickeln sollte als in einer früheren Epoche. Es müssen dem-
nach andere Gründe als eine Brechung durch suffixales a die Um-
änderung von altem idg. i zu e im Lippischen bewirkt haben. Dass
in kurzer geschlossener Silbe häufiger e als % erscheint, zeigen die in
§ 1 7 2. ^> angeführten Beispiele. Einige derselben haben Doppelformen^
die bei Kürze e zeigen, bei Dehnung das alte i als f bewahrt haben:
rmt und mlo (as. mid) mit; wedor und wi9r (as. tmSar) wieder.
In der Declination kann bei Dehnung in offener Silbe das alte i
als l sich halten, während es in kurzer geschlossener Silbe in e über-
geht: zu den nom. Smet, m. (g. smipa] Schmied, ;c/e^, n. (as. li^)
Glied, let^ n. (mhd. lit) Bodenklappe, lauten die dat. sing. sml9 (nom.
pl. smid), x^^ (nom. pl. xledsr], lie.
Ebenso hält sich altes idg. i in der Conjugation bei Dehnung vor
stimmhafter Consonanz, z. B. heisst es stets nur: hr^tdn^ part. praet.
(as. giskritan) geschrieben, ärtbeUj part. praet. getrieben, p-ltidn^ part.
praet. (vgl. mhd. grinen^ stv.) geweint. Wird dagegen vor stimmloser
Consonanz die Kürze gewahrt, so tritt für i gern e ein. Man hört neben-
einander: bltan imd betanj part. praet. (zu as. hitan^ stv.) gebissen; stiken
und slekdUj part. praet. (vgl. mhd. slichan, stv.) geschlichen; x^JP^^ ^^^
XrepeUy part. praet. (zu as. gripan, stv.) gegriffen; rlt^n und reten, part.
praet. (zu as. torttan, stv.) gerissen.
IV. Wechsel von o und u (resp. ö und ü).
§ 71. Das alte germ. Lautgesetz, dass ursprüngliches (germ.) o
sich hält und nicht in u übergeht, wenn suffixales a darauf folgt, ist
in der lippischen Mundart nicht mehr wirksam. Die lipp. part. praet.
'ulpdn {aB. gikolpan) geholfen, ;c«fo;^ gegolten, «wfow gescholten, müssten
jenem Gesetze gemäss o haben. Da Doppelnasal oder Nasal -|- Muta
die Wirksamkeit des suffixalen a hindert und den Eintritt des u be-
fördert, sollten die lipp. part. praet. hwomen (* as. giswumman) ge-
schwommen, ferxlomon (vgl. mhd. glimmen^ stv.) verglommen, nicht o,
sondern u aufweisen.
Ebenso wenig wie bei dem Wechsel zwischen ursprünglichem (germ.)
und u ist im Lippischen das germ. Lautgesetz über die Brechung
in. TheiL Allgemeine vocalische Erscheinungen. 43
des ursprünglichen u zu o erhalten. Diese Brechung kann nur durch
suffixales a hervorgerufen werden, die lipp. Mimdart zeigt dagegen
nicht selten 0, resp. ö an Stelle des ursprünglichen w, wenn der Suffix-
vocal nicht 0, sondern i {{) war, z. B. in Slötal, m. (as. slutil) Schlüssel,
Sötdlj f. (Gl. Prud. scuzila) Schüssel, ferner bei einzelnen Verben der
sog. t^-Kl. im pl. opt. praet., z. B. x^^^^ l^^- gutin) gössen, kröpsn
kröchen (vgl. § 72).
Wie die angeführten Beispiele beweisen, haben die alten germ,
Lautgesetze ihre Bedeutung iü der lipp. Mundart verloren, und andere
Ursachen entschieden den Eintritt des resp. u. Von Einfluss war
bei ursprünglichem (germ.) zunächst die folgende Consonanz: vor r
erscheint meist ohne Unterschied, ob alte a- oder i-Stämme vor-t
liegen; hält sich, auch wenn das r selbst ausgefallen ist. Beispiele:
hostj f. (ahd. brüst [i) lßi\xsi\ dost, m. (as. thurst) Durst; wostj f. (mhd.
wurst) Wurst; hoste ^ f. (mhd. bürste) Bürste; horxi f. (as. hurg) Burg;
•torf^ m. (as. turf) Torf; koste ^ f. (mhd. kruste) Rinde des Brotes;
wortdl^ f. (vgl. as. vmrt) Wurzel; lork^ n. schlauer Mensch (wörtlich
Kröte, Molch). Bei Metathesis des r erscheint, wenn r dem betreffen-
den Vocale vorangeht, u, wenn es demselben folgt, o; so finden sich
neben einander die Formen dörp^ n. Dorf, und j,trup'^ (als Endung von
Ortsnamen: Mätrup, Brüntrup — Matorf, Brüntorf),' born^ m. Quelle,
und brumrij m. (as. brunno) Brunnen. Vor Nasal oder Nasal + Cons.
erscheint in der Regel u (vgl. die Beispiele § 22*), in einzelnen part.
praet. jedoch, die wohl auf Analogiebildung beruhen, findet sich vor
Nasal 0: socken geschenkt; hwomen geschwommen, fdr^lomen ver-
glommen.
Anm« Ein in Fremdwörtern geht vor m gern in w über: kumattd9, adj. (franz.
commode) bequem ; kumpslment, n. Compliment ; brnna, f. Bombe ; kumand<BU'rn, swv.
kommandiren.
§ 72, Liegt ursprüngliches u zugrimde, so waren hauptsächlich
Quantitätsverhältnisse für den Eintritt des u oder 0, resp. ü oder ö
entscheidend: bei Dehnung vor stimmhafter Consonanz hält sich altes
w, resp. ü als §, bei Bewahrung der Kürze wird altes u, resp. ü zu ö.
In der sog. t^-Klasse im pl. opt. praet., dessen Suffixvocal as. t ist,
erscheint bei Dehnung vor stimmhafter Cons. ^, bei Bewahrung der
Kürze vor stimmloser Consonanz ö. Beispiele: ^^*a;g zögen ;^^'aw, flögen;
Sifbdn schöben ; lüj'en lögen ; srißen schröben. — kröpen kröchen ; söpen
söffen; döken tauchten unter; röken röchen; ;cöY^/^ gössen; xenöten ge-
nössen.
Auch sonst zeigt sich Wechsel von ü und ö, je nachdfem die Silbe
gedehnt oder kurz ist:
nute und nöte, pL Nüsse; bi^ne und böne, f. niedriges Gemach; küken.
und koken, f. Küche.
44 ^^^ Vocale der lippischen Mundart.
V. Verkürzung.
Unter der Bezeichnung Verkürzung verstehen wir den Uebergang
eines organisch langen Vocales oder eines Diphthongen in einen kur-
zen Vocal. Wir geben zunächst unter Zurückfiihrung auf das As. eine
Uebersicht der im Lippischen erscheinenden unorganischen Kürzen ; die
Untersuchung der Lautgesetze, auf welchen die Verkürzung in den
einzelnen Fällen beruht, behalten wir den folgenden §§ vor.
§ 78« 1. As. 4 (germ. ä) > lipp. a:
a) in dem hochdeutsch. Lehnworte straf a, f. (mhd. strafe) Strafe.
b) daxty m. (mhd. tdht) Docht; klaftar, f. (mhd. kläfter) Mass der
ausgebreiteten Arme; daxta (as. tkäkta) dachte.
2. as. ä > lipp. e (Mittelstufen tß, e durch «-Uml.):
a) selix, adj. (as. säliff) selig. —
sejaUj swv., (as. sdian, swv., g. saian^ red. v.) säen; wejdny swv.
(ahd. wäjan) wehen; mejm, swv. (ahd. mdhan) mähen; drejon^ swv.
i^'di. dräjan^ drehen; nejdn^ swv. (ahd. r^äwari] nähen; krejen, swv.
(ahd. krdhan) krähen; kreja, f. (as. krdia) Krähe.
Aniii* Bei den meisten der zuletzt angeführten Wörter sind Nebenformen mit
m möglich, 90 dass es dann also heisst: ma{^9n mähen, A;rat;9n krähen, nai^an nähen
etc. Die diphthongischen Formen werden * häufiger im Westen sls im Osten des
Landes gehört
3. as. d "^ lipp. 0, ö (Mittelstufen g, durch i-Uml. ö, vgl. § 24):
a) oddry f. (ahd. ddara] Ader; loj^s, adj. (mhd. W, -wes] erschöpft,
müde.
b) broxta (as. hrdhta) brachte; — [diu) löst (zu as. Idtan) (du) lässt;
Möpt (zu as. sldpan) schläft.
c) lot, imp. (zu as. Idtan) lass.
§ 74. 1. As. i (germ. i) > lipp. i:
a) linanj n. (as. Un) Leinwand; mlariks^ conj. (vgl. as. hwila) weil;
Xridixy adj. (mhd. gritec) gierig, habsüchtig; mydn^ swv. [dihA. sniwavi]
schneien; dijan^ swv. (as. thihan) gedeihen; betijan swv. (mnd. betten)
Schuld geben, zeihen; sijanj swv. (mhd. sthen) seihen; spifen, swv.
(ahd. sptwan) speien, rijm^ swv. (mhd. rihen) reihen, mit grossen Sti-
<5hen zusammen nähen; kUj9j f. (mhd. kliwe) Kleie; wij'dj f. (mhd. wihe)
Weih.
b) Uxt, adj. (vgl. as. Uhtlik) leicht; fellixto vielleicht.
Ohne Ausnahme hat die Verkürzung stattgefunden bei der 2. und
3. pers. sing. ind. praes. der zur sog. e-Kl. gehörenden Verben:
srifst (zu as. «Ar^Saw) schreibst; blifst (zu as. biltban) bleibst; Slixst
(vgl. mhd. sUchen) schleichst; — stixt (zu as. stigan) steigt; drift (zu
as. dritan) treibt etc.
c) vnty adj. (as. hwit) weiss.
in. Theil. Allgemeine vocaliflche Erscheinungen. 45
§ 75. 1. As. d (germ. ö) > lipp. o:
a) modeTj motar, f. (as. mödar) Mutter.
b) soxta (zu as. sökian) suchte; oft9 (zu as. ötian) narrte ^ hatte
zum besten; ^ro/V^ (vgl. voii'di. prüeven) prüfte; W^ (zu as. hödian) hü-
tete; blod& (vgl. mhd. bluoten) blutete; bomodd (zu as. mötian) traf an.
2. as. d (germ. 6) > lipp. ö (Mittelstufe ca durch i-Uml.) :
a) ^öner^ pl. (sing, ^^un, n. as. hön) Hühner.
m6j9n, swv. 1. sich bemühen, 2. sich gereuen lassen; blöjm, swv.
(ahd. bluojan) blühen; br'öj9j f. (mhd. brüeje) Brühe; m'öj9^ f. Mühe^
Reue; köjQy pl. (sing, k^u, vgl. mhd. kuo^ pl. küeje) Kühe.
b) söxt (zu as. sökian) sucht; pröft (vgl. mhd. prüeven) prüft; oft
(zu as. ötian) hat zum besten; ^öt (zu as. hödian) hütet; blöt (vgl. mhd.
bluoten) blutet; spölt, part. praet. (vgl. mhd. spüelen) gespült.
3. as. d (germ. ö) > lipp. u:
kusalj f. (vgl. mhd. kuose) weibl. Schaf.
4. as. ö (germ. ö) > lipp. ü (Mittelstufen üj durch e-Uml. ue, 4):
b) külPy f. (vgl. Ps. kuolithaj aber auch mnd. kulde^ an. Aw?rf*)
Kühle, Kälte.
§ 76. 1. As. ü (germ. ü) > lipp. u:
a) drufal, m. (vgl. ahd. ^r^io) 1. Doldentraube. 2. grosse Menge
zählbarer Gegenstände; up9n drufal auf einem Haufen; uxt9j f. (as.
ühtüj ü Ersatzdehnung) Morgendämmerung.
§ 77. 1. As. S (germ. ai) >> lipp. e:
a) em9rk9ny pl. (vgl. ahd. eimuria) Funken, glühende Asche; ledar^
f. (mhd. leitere) Leiter; etarx, adj. (ahd. eitarig, Gl. Prud. ettarag)
böse, zornig; ne«^ (as. w^) keiner.
b) entaln (mhd. einzet) einzeln; mest9r, m. (as. mSstar, lat. magister)
Meister.
brede, f. (ahd. breitida) Breite; breder, comp, breiter; klenar^ comp^
(Gl. Pr. cleniy adj.) kleiner; efe/^, part. praet. (zu as. dSlian) getheilt.
§ 78. 1. As. d (germ. au) > lipp. o:
a) sotikj m. (vgl. mhd. schoup) Bund Stroh; rodanj swv. (Nebenf.
rautan, mhd. rdj^) Flachs beizen.
b) Äq/fo (zu as. köpön) kaufte; dofta (zu as. döpian) taufte; lofta
(zu as. gilötian) glaubte; rofta (vgl. mhd. raufen) zog aus (seil. Flachs).
droxta (Nebenf. draux^ zu as. driogan) trog, Jö;r^ (Nebenf. bauXy
zu as. biogan) bog, sind falsche Analogiebildungen st. Verben.
c) klos^ m. (mhd. klö'^ Klotz.
In der 1. und 3. pers. sing, indic. praet. der zur sog. w-Kl. ge-
hörenden Verben, welche ursprünglich stammschliessende stimmlose
Consonanz haben, erscheinen neben den org. Formen mit au auch ver-
kürzte mit 0, z. B. xoi ^^^ X^^^ (zu as. giotan) goss; iot und haut
46 I^ie Vocale der lippischen Mundart.
(vgl. as. skietan) schoss; sop und saup (vgl. mhd. sitfen) soff; rok und
rauk (vgl. mhd. rieche^i) roch.
(Bei stammschliessender stimmh. Conson. hört man niu: Formen
mit au: flaux (zu Sis.ßioffan) flog; saiix (vgl. ahd. sügan) sog; häuf (vgl.
mhd. schieben) schob etc.)
2. as. 6 (germ. ow) > lipp. ö (i-Uml.):
b) 'ö'x^j f- (^hd. höhida) Höhe; ;frö75, f. (vgl. as. gröt, adj.) Grösse;
Xröt9r, comp, grösser. — fo;^^ (vgl. g. hlaupan) läuft; 5^öY (vgl. g. «^aw-
<a;>) stösst; köft kauft; döft tauft; /^i^ glaubt; röft zieht aus (seil.
Flachs).
§ 79. 1. As. io (germ. eu] > lipp. e:
b) /ö;^^, n. (as. Höht) Licht; lext, adj. (as. Uoht) hell, strahlend;
rester f f. (ahd. riostar] Pflugsterz; ferner in den Composita: stefsüna,
m. (mhd. Ä^t^5W») Stiefsohn; nein9t (as. mowaw) niemand; Depdl (zu g.
/mt^a und ma//) Detmold, Ortsname.
§ 80. 1. As. iu (germ. eu) > lipp. w, w:
a) sprulyd^ f. (as. Äjorm, spriuwes) Spreu.
b) lüxteUj swv. (ahd. liuhten) leuchten; lüxte, f. Laterne; /%^a, f.
(ahd. viuhta) Fichte.
Regelmässig ist diese Verkürzung eingetreten in der 2. und 3.
pers. sing, indic. praes. der zur sog. w-Kl. gehörenden Verben, z» B.
ßüxt (as. fliugid) fliegt; lüxt (as. liugid) lügt; Är%?^ kriecht; r^A^
riecht.
§81. 1. Aelteres aw^ auw, ouw, üw > lipp. o:
a) 'öfew, swv. (ahd. hauwan) hauen; 'ofe, f. Hau, 'd'x, n. Heu,
(vgl. g. havi)\ drotarij swv. (ahd. drauwan) drohen; dotan^ swv. (mhd.
touwen) tauen; rfofo, m. Tau; kotan, swv. (mhd. Aowt«?ßw) kauen; wo-
W97i^ f. (mhd. wowt<?e) Aermel, tota, f. (zu g. taujan^ vgl. mhd. zouwen
und «owM^er) Webstuhl; «^oJ^, m. (vgl. mhd. stouwen) Stau.
2. älteres at^?, auw^ ouw, üw > lipp. ö (e-Uml.):
a) frötanj svrv. (vgl. siid. frauwon) freuen; strößn^ swv. (vgl. g.
straujar^ streuen.
3. älteres aw^ auw^ ouw^ üw, au > lipp. u:
a) buian, swv. (ahd. JtJt^aw) bauen, bute, m. Bau; trutdn, swv.
(ahd. ^rtiw?^) trauen; ^rwfe, f. Treue; fru%d, frw^a^ f. (ahd. /rowt^^a)
Frau; Jrwfew, swv. (Word. Heber, gi-breuuan, stv.) brauen; ;crwl>^w,
swv. (mhd. grüwen) grauen.
§ 82. Wie die vorhergehenden §§ zeigen, ist für die as. Länge in
.der Kegel im Lippischen die entsprechende Kürze eingetreten:
as. 4 > lipp. a, bei i-Uml. e, und in einzelnen Fällen o, ö, § 73.
» « > » «', § 74;
» 6 (germ. 6) > lipp. o, bei t-Uml. ö, nur selten w, i^, § 75.
>
ni. Theil. Allgemeine vokalische Erscheinungen. 47
as. ü > lipp. u (bei «-Uml. ü), § 76.
» e (germ. ai) "^ lipp. ^, § 77.
» d (germ. «w) > d 0, bei i-UmL ö, § 78.
» io (germ. ew) ]> » e, § 79.
)) iu (germ. eu) 2> » w, § 80.
e und t^, welche als Verkürzung der as. Diphthonge io und iu
erscheinen, sind nichts Fremdes, sondern sie passen durchaus in das
System des as. Vocalismus. e erscheint in einzelnen Fällen schon im
As. statt io (z. B. im Hildebrandsliede: Detrihhe\ in der Freck. Heber,
ie = io) , und in der sog. w-Kl. finden sich neben den Verben mit iu
im Infinitive auch solche mit üj z. B. as. bilükan,
§ 83. Verkürzung kann im Lippischen sowohl in offenen als in
geschlossenen Silben eintreten. Wir besprechen zunächst die ersteren
Fälle, die betreffenden Beispiele sind in der Uebersicht je in den mit
a bezeichneten Rubriken zusammengestellt. Durch welche Ursachen
die Verkürzimg in as. imd auch lipp. offenen Silben herbeigeführt ist,
lässt sich nicht in jedem einzelnen Falle mit Gewissheit entscheiden.
Dieselbe wird sehr häufig auf Analogiebildung beruhen. Bei Verben,
welche die meisten Beispiele der Verkürzung in offener Silbe bieten,
scheint Uebergang von der starken in die schwache Conjugation Ver-
kürzung mit sich zu führen: man vergleiche lipp. sejm, swv. säen,
wejdn^ swv. wehen (§ 73), mit g. saian, stv. und waian, stv.; lipp.
inijdn, swv. schneien, cHjerij swv. gedeihen etc. (§ 74) mit den ent-
sprechenden starken Verben der älteren germ. Sprachen. Auch zu
lipp. 'ot9nj swv., kotanj swv., buterij swv. etc. (§81) lassen sich ältere
starke Verben nachweisen.
Anni« Ueber die lipp. sejan, swv., wej9n, swv. (§ 73), tofr», m., stoija, m. (§ 81),
hutsn, swv., trut9n, swv. (§81) zugrunde liegenden urgerm. Formen vgl. Piper, Spr.
und Litt. Deutschi. S. 198 ff.
§ 84. In geschlossenen Silben hat Doppelconsonanz sehr häufig
die Verkürzung einer vorhergehenden Länge oder eines vorhergehen-
den Diphthongen herbeigeführt (s. Beispiele in den mit b bezeichneten
Rubriken), mag nun diese Doppelconsonanz eine ältere Verbindung
sein, wie z. B. in lext, n. (as. lioht) Licht (vgl. § 79), oder mag die-
selbe sich erst in späterer Zeit durch den Ausfall von Suffixvocalen
gebildet haben.
Anm« Bei den durch den Ausfall von Suffixvocalen entstandenen Consonanten-
Verbindungen ist im Lippischen oft Assimilation eingetreten , z. B. stets bei Dent.
-|- Dent. oder Nasal + Dentali?. Dennoch stellen wir die betreffenden Wörter mit
denen, in welchen sich die Doppelconsonanz erhalten hat, zusammen, weil bei ihnen
die Verkürzung auf der gleichen Ursache beruht.
1. Durch die Anfügung der as. Ableitungssilbe »itha« (g. ipajj die
im Lippischen regelmässig Syncope des ersten Vocales erlitten hat
48 ^^6 Vocale der lippischen Mundart
(vgl. § 122), ist nur in einzelnen Wörtern Verkürzung entstanden,
z. B. in x^<>^j f» (älter *gr6tithaj gröitha] Grösse (vgl. andere Bei-
spiele § 77, 1'^ und § 78, 2»t). In der Regel ist organische Länge, resp.
Diphthong geblieben, z. B. heisst es stets: few/fe, f. Liebe; dtseupta, f.
Tiefe.
2. Die lippische Mundart hat in unorganischer Weise ein Com-
parationssuffix »dar« gebildet (z. B. wermdar wärmer), bei Anfügung
desselben an den Stammauslaut entsteht in einzelnen Wörtern Ver-
kürzung: kiener j comp, (älter ^AlSndar) kleiner; bredar, comp, (älter
HrSddor) breiter (vgl. § 77); x^'ot^r, comp, (älter ^ffrötdar) grösser
(vgl. § 78, ^)j in der Kegel ist jedoch die Verkürzung unterblieben,
z, B. heisst es: klordary comp, klarer; ho^rdor^ comp, schwerer.
3. Am häufigsten ist im Lippischen aus dem angegebenen Grimde
Verkürzung in den Conjugationsformen eingetreten. Regelmässig findet
dieselbe statt in der 2. und 3. pers. sing, indic. praes. der sog. i-Kl.
und w-Klasse, z.B. Srift (as. skrittd) schreibt (s. weitere Beispiele § 74),
ßUxt [dj&.fliugid) fliegt (vgl. § 80).
Schwache Verben zeigen nicht selten Verkürzung in der 2. und
3. pers. sing, indic. praes., im praeterit. und im part. praet., z. B. söxt
sucht, soxte suchte, soxt gesucht (zu as. s6kian]\ löft glaubt, lofta
glaubte, loft geglaubt (zu as. giUtian), Vgl. die betreflf. Beispiele in
§ 75 und § 78.
§ 86« In den mit c bezeichneten Rubriken haben wir die Wörter
zusammengestellt, in denen Verkürzung vor einfacher ausl. Consonanz
eingetreten ist, z. B. loit, adj. (as. hwit) weiss (§ 73) ; x^^ [^' 9^^)
goss etc. (vgl. die betreff. Beispiele § 78).
Da in allen diesen Fällen Verkürzung nur vor stimmloser Con-
sonanz eingetreten ist, so werden wir wohl nicht irren, wenn wir
diesen Umstand als die eigentliche Ursache der Verkürzung betrachten.
Anm» Dieses Lautgesetz scheint auch im Mnd. schon zu herrschen, wenigsten»
deutet darauf die Form »«71^ (as. htcit) hin.
§ 86« Schliesslich besprechen wir noch einige Verkürzungen,,
welche in der Uebersicht keinen Platz gefunden haben. Den lippischen
Formen rejdn^ adj. (as. hrhii) rein, arbejatj f. (as. arbSd) Arbeit, arbe-
jmj swv. arbeiten, liegen wahrscheinlich nicht die as. monophthongi-
schen, sondern diphthongische Formen mit eij ai zugrimde, deren i in
J überging.
Häufig ist das erste Wort in Composita verkürzt, wahrscheinlich
eine Folge der Betonung, z. B. ""oxt^utj f. Hochzeit (sonst 'awa:, adj.,
as. höh)] emdr^ m. (as. embar) Eimer; nemdt (as. nioman) niemand;
ekdrkdtiy n. (mnd. Skeren) Eichhörnchen.
Die Vocale der lippischen Mundart. 49
VI. Dehnnng.
1. Dehnung in offenen Silben.
§ 87. In der lippischen Mundart sind viele ursprüngliche Kürzen
in offenen Silben zu Längen geworden. Es ist dies eine Folge davon,
dass der idg. freie Accent zu einer Zeit, als die erste Lautverschiebung
schon stattgefunden hatte, unveränderlich an die Stammsilbe gebunden
wurde. Die Suffixe wurden dadurch allmählich tonlos, und ihre ur-
sprünglich volleren Vocale wurden zu 9 abgeschwächt. Was sie an
Tonwerth verloren, gewannen die Stammsilben, daher zeigen ihre Kürzen
das Bestreben, in Längen überzugehen.
Dass in der That durch das auf die Stammsilbe übertragene Ton-
gewicht der Suffixe Dehnung entsteht, zeigt sich im Lippischen bei
Flexion und Ableitung in deutlicher Weise. Die blosse Stammsilbe
hat häufig kurzen VocaJ bewahrt, aber bei Anfügung eines Suffixes
erleidet er Dehnung. Beispiele: daz, m. (as. rfa^) Tag, däy^, dat. sing,
— xlaSy n. (as. glas) Glas, x^äz9, dat. sing. — wex, m. (as. weg) Weg,
w^'d dat. sing. — '<J^, m. (as. hof) Hof, *^fe, dat. sing. — troz, m.
Trog, trg'^o^ dat. sing. — tttXj m. Zug, tüJyO, dat. sing. — xifi "^P-
gieb, ;cfSaw, inf. geben. — les, imp, lies, l§z9n^ inf. lesen.
Anm. 1« Ein solcher Wechsel von kurzem und langem Vocal bei Flexion,
resp. Ableitung kann im Lippischen nur vor stimmhafter Consonanz eintreten. Vor
stimmloser Consonanz bleibt der kurze Vocal auch bei Anfügung des tonlosen Suf-
fixes, z. B. «oÄ, m. Sack, «oA», dat. sing. — la<, m. Abgabe, lafo, dat s. — sap, n.
Mus, sap9, dat. s. — drek, m. (mnd. drek) Schmutz, drek9y dat. s. — strixt m. Spit-
zenkrause an der Mütze, sirtx», dat. s. — blak^ m. Block, bloka, dat s. — Shtk, m«
Trunk Branntwein, ^htk», dat. s.
Aimi« 2* Bei kurzem und betontem Vocale der Hauptsilbe, der durch einfache
Consonanz vom Vocale der Nebensilbe getrennt ist, liegt die Schallgrenze, (vgl.
SiETERS, Phon. S. 189) in dem Consonanten: iim9 (as. umbi) um; hecb, n. Bett; ia^9t
f. Zacke ; urwÄar, n. Wunder. Bei langem und betontem Vocale der Hauptsilbe, der
durch einfache Consonanz vom Vocale der Nebensilbe getrennt ist, tritt eine Druck-
grenze ein (vgL Sievers, Phon. S. 190) und zwar stets vor dem Consonanten, so
dass es also heisst:
kä-imr, f. Kammer; ßi-km, adv. oft; dre-Jeriy stv. tragen. — Trennt Doppelcon-
sonanz die beiden Nachbarvocale , so liegt die Druckgrenze zwischen den beiden
Consonanten, ohne Unterschied, ob der erstere lang oder kurz ist:
X9f$r'lik, adj. gefährlich; hi8't9rXf adj. missmuthig; W-fo, n. Herz; «e«-for, pL
Nester.
§ 88. War die Verlegung des Accentes auf die Stammsilbe im
allgemeinen die Ursache der Dehnung, so zeigt sich in der lippischen
Mundart daneben, dass auch die Consonanz, welche die betreffenden
Vocale trennt, nicht ohne Einfluss war. Vorzugsweise tritt die Be-
deutung der Consonanz für die Dehnung bei lippischem e imd o
hervor.
1. Vor stimmhafter Consonanz neigen e und o ebenfalls wie die.
Vocale dei lipp. Mundart. 4
60 ^16 Vocale der lippiachen Mundart
anderen Vocale zur Dehnung, Tor stimmloser bleiben sie nicht selten
kurz. Auf dieser Ursache beruht z. B. der Quantitätsunterschied bei
part. praet. ein und derselben Ablautsreihe. Es heisst im Lippischen:
ir^9n geschroben, ^jaw geflogen, /^J^^ gelogen, aber j^o^an gegossen,
dok9n untergetaucht, kropan gekrochen; es heisst: l^z9n gelesen, w^zdn
gewesen, l^*9n gelegen, aber x^^^^ gegessen, 8et9n gesessen.
2. in einer Reihe von Wörtern ist vor stimmloser Consonanz kurzes
e, resp. o zwar gewahrt, aber daneben erscheinen doch schon Formen
init gedehntem Vocale:
a) et^n, ^ten, stv. essen; meten, m^tan, stv. messen; drepan, dr^pan^
stv. treffen; sprekan, spr^ken, stv. sprechen; ferner in dem Worte dcÄ^ar,
d^kar^ pl. Dächer.
b) sprokan, sprökon^ part. praet. gesprochen; brokan, br^kon, part.
praet. gebrochen; dropan^ dr^pan, part. praet. getroffen; ^opan, 'gpan,
swv. hoffen; kokon^ kokdn^ swv. kochen; in der Pluralform Mkd und kokd^
Köche, erscheinen '6 und q neben einander.
Aus diesen Beispielen ergiebt sich zunächst für lipp. ^ u. o die That-
sache, dass stimmlose Consonanz die Dehnung verhindert oder sie wenig-
stens nicht begünstigt, während stimmhafte Consonanz entschieden zur
Dehnung beiträgt. Tritt dieser der Dehnung entgegenwirkende Einfluss
stimmloser Consonanz bei anderen Vocalen auch nicht so deutlich hervor
wie bei e und ö, so hat dies Lautgesetz dennoch auch für lipp. a, i
und u Geltung. Auch diese Vocale bewahren trotz Anfügung eines
tonlosen Suffixes vor stimmloser Consonanz die Kürze der unflectirten
Form, z. B. heisst es: dak^ n. Dach, dakd^ dat. s. — Mp^ m. Kopf des
Hutes, kipd, dat. s. — buk, m. Bock, buk9y dat. s. (vgl. § 87, Anmerk. 1.
Ueber den Einfluss stimmloser Cons. bei Verkürzung vgl. § 85).
§ 89. In ursprünglich offenen Silben vor stimmhafter Consonanz
ist in der lipp. Mundart in der Regel Dehnung der alten Kürze ein-
getreten, altes a hat auch vor stimmloser Consonanz nicht selten
Dehnung erfahren. Beispiele:
1. Aelteres a > lipp. ä:
lakdn^ n. (as. lakari) Laken; säkd^ f. (as. sakd] Sache; wätarj n.
(as. watar) Wasser; bäta, fc (mnd. bäte) Hülfe. — wä^9nj m. (ahd.
wagan) Wagen; 'ä5^;^, m. (ahd. kagan) Hecke; «äja, f. (mhd. saffe)
Säge; kämarj f. (ahd. kamara) Kammer; dän9j f. (zu g. panjan'^)
Thalgrund.
(Wörter, in denen sich älteres a in offener Silbe gehalten, vgl.
§ 14, ^M
2. älteres e [a) > lipp. ^:
"^^jon, swv. (mhd. hegen) aufsparen; j^'dVj m. [dih&, jagdri) Jäger;
|;'a, f. (mhd. egede) Egge; %r^z9n^ swv. (zu as. gras] grasen; sik f9r-
stb^rdn, stv. (vgl. as. swerian) sich verschwören.
ni. Theil. Allgemeine vöcalische Erscheinungen. 5 t
(Wörter, in denen sich älteres e in offener Silbe gehalten, vgL
§ 15, !•*.)
3. älteres e > lipp. ?:
^^9n, m. (as. heban) Himmel; rg;>», m. (as. regan] Regen; wi^m^
stv. (as. w'egan) wiegen; l^zan, stv. (as. lesan] lesen; Ä??a, f. (ahd.
chela) Kehle; hn^^ron, swv. (vgl. mhd. smern, swv.) schmieren. (Wör-
ter, in denen sich e in offener Silbe gehalten, vgl. § 16, i»*.)
4. älteres i (idg. i oder aus e hervorgegangen) > lipp. f:
4w9t, n. (mhd. sip) Sieb;^ ißan^ swv. (as. bitön) beben; wlz^j f. (ahd.
ttnsa) Wiese; «y'a, f. {mhd, zige) Ziege; ^Iwa, f. (vgl. mhd, schwer) der
splitternde Abfall vom getrockneten Flachse; n^an, num. (as. nigun)
neun; ««?*;a, f. (mhd. toige) Wiege.
5. älteres o (urspr. oder aus u entstanden) ^ lipp. ^, o (t-IJml.):
löian, swv. (as. lotön) loben; Igbsn^ adv. (as. öian] oben; gbon,
m. (ahd. ofan, g. ae^A;}^) Ofen;'^;?^w, pl. (vgl.mhd.Ao^d) Strümpfe; r^S^, f.
(vgl. mhd. rufe) Verhärtung auf einem Geschwür; r^j», adj. grob, roh.
(Wörter, in denen o in offener Silbe sich gehalten, vgl. § 19, i«^.)
'6. älteres u > lipp. % ii (t-üml.) :
fTf^slj m. '[2i&, fugaJ) Vogel; ^«p, m. (as. mnu) Sohn; tütan^ swv.
auf einem Home blasen.
diysny anv. (as. dugan) taugen; müjm^ anv. (Nebenf. mqjm^ as.
mugan) mögen; dr^nan, swv. (vgl. g. drunjus) dröhnen.
Anm« Die Vocale, welche bei dem Ausfall eines intervocalen as. d, Ö Dehnung
zeigen, betrachten wir nicht als organisch lange, sondern nur als tonlange: lä», f
(mhd. lade) Lade, Kiste; ^äm, m. (vgl as. skai^o) Schaden,' niig, f. (as. middia) Mitte;
fr^f m. (as. friöu) Frieden ; hd9, m. (as. hodo) Bote. Auch bei Bewahrung der Den-
talis kann Dehnung eintreten, z. B. heisst es: f9rUd9n, adj. und ady# (zu as. UÖatii
vergangen, neulich; in einzelnen Wörtern hat sich kurzer Vocal vor Dentalis ge-
halten : wed9rj n. (as. iß'edar) Wetter ; feddr, f. (as. f^Öar) Feder.
§ 90. In einzelnen Fällen hat die lippische Mundart die alten
Kürzen in offenen Silben nicht nur gedehnt, sondern sie ist noch wei-
ter gegangen und hat diese nur secundären Längen wie organische
Längen zu Diphthongen umgebildet. Bieispiele:
l.^^a^fo',,.^m.. J[ygl.^ mhd. tetel^ engl, daddy) Vater; ai/d/, m. (ahd.
egal) Egel.
2. st^upal, m. (vgl. mhd. stivel) Stütze am Baume, Hause etc.
3. eutdstj n. (as. ovit) Obst; Uw^», f. (mhd. lohe) Lohe, Flamme.
4. dlu'^9nt , f.. (ahd. tuged und tugunt) 1. Tugend. 2. Kleister zum
Steifen der Leinwand; kfu^^sly f. (mhd. hagele) Kugel.
5. küik$n, n. (mhd. kuchen) Küchlein.
2. Dehnung in geschlossenen Silben.
§ 91. Bei der Dehnung in geschlossenen Silben handelt es sich
4*
52 ^ie Vocale der lippischen Mundart.
im Lippischen vorzugsweise um einsilbige 'Wörter, die auf einfache
oder Doppelconsonanz ausgehen.
1. In Wörtern, die mit Liquida oder Nasal enden, erleidet die
denselben vorhergehende Kürze hin und wieder Dehnung, z. B. in
dälj n. (as. dal) Thal; 'endäl, adv. hernieder; sälj m. (mhd. sal) Saal;
d^lj L (Nebenf. dil und c^hj f., mhd. dil und dille) Hausflur. In tan^
m. (as. tand) Zahn, an, Nebenf. ant, m. (mhd, ant) Ente, bildete ur-
sprünglich Doppelconsonanz den Ausgang, 'ä«, m. (nind. hdn und haue)
Hahn, und sün, m, (as. sunu) Sohn, sind nur Nebenformen, gewöhnlich
hört man ' äna und süno.
Solche Wörter, in denen vor ausL l, n gedehnter Vocal erscheint, sind
im Lippischen nur als Ausnahmen zu betrachten, »in der Kegel bleibt vor ausL l, n
die Kürze erhalten : tal, m. (vgl. as. gital) Zahl, Aufgabe ; fal, m. (as. fal) Fall ;
marif m. (as. man) Mann; *^W, adj. (mhd. H^l) hell; fely n. (a8./&'fl Fell; dil, m. (mhd.
tille) Dill; le«, m. (vgl. engl, skin) die in Schuppen abgelöste Kopfhaut; *o/, adj.
(as. hol] hohl ; ful, adj. (as. ftU und fol) voll.
2. Vor Geräuschlauten, die in der lippischen Mundart im Auslaute
stets stimmlos sind, findet in der Regel keine Dehnung statt. Nur
wenn das betreffende Wort ursprünglich ein Suffix hatte, wie z. B.
lipp. möÄ, imp. (as. makö] mache, oder wenn es im Lippischen noch
eine Nebenform mit tonlangem Vocal in offener Silbe giebt, wie lat9-
neben lät, adj. (as. /a^) spät, hört man wohl gedehnten Vocäl in ge-
schlossener Silbe vor stimmlosem Greräuschlaute.
§ 92. Vor einer Consonanten Verbindung, die aus Nasal oder Li-
quida + Nasal oder Dentalis besteht, erleiden kurze Vocale in der
lipp. Mundart nicht selten Dehnung. Dieselbe ist geringer als die
Dehnung in offener Silbe, weshalb wir (nach Sibvers, Phon. S. 187)
die betreffenden Vocale halblange nennen und mit "^ bezeichnen.
Solche halblange Vocale erscheinen z. B. in den Wörtern:
sanf^ m. (as. sand) Sand; tant^ n. (as. land) Land); 'S/w, m. (as,
Äa/w) Halm; ;ce/^, n. (as. g'eld) Geld; weit, f. (as. wer-old) Welt; ktntj
n. (as. kind) Kind; /rt«^, m. Ausschlag; wtnty m. (as. wind) Wind;
XoUj n. (as. gold) Gold; münt, m. (g. munps) Mund; ;crw»^, m. (as.
grund) Grimd.
Vor andern als den angegebenen Consonantenverbindungen hält
sich der kurze Vocal:
%9sarikt m. (vgl. as. sang) Gesang; ^alf^ adj. (as. half) halb; selp^
n. Schilf; slitik^ n. mit einem Drehkreuze versehener Eingang;
slump^ m. (vgl. mnd. slumpen) glücklicher Zufall. — Auch silt, n. (g.
skildus) Schild, und bilty n. (as. bilidi) Bild, haben ein kurzes t.
Anin« !• Sievers (Phon. S. 187) kennt in deutschen Mundarten halblange Vo-
cale vor einer Verbindung von Liquida, Nasal oder Spirans + Consonant. Im Lip-
pischen, kommt Dehnung vor einer mit Spirans beginnenden ConsonantenTerbindung
in. TheiL Allgemeine Tocalische Ersclieinungeiu "gg
nicht vor, es lieisst maxt, £. Macht; naxt, f. Nacht; last, f. Last; rastf f. Rast;
Mext, adj. schlecht; ßtixt, f. Flucht; luxt, f. Luft.
Aniii« 2« Wenn an die Silben mit halblangem Vocal ein (mit Vocal beginnen-
des) Suffix tritt, 80 wird die Dehnung aufgehoben: den^^alimy dat. s. dem Halme;
^en land, dat. s. dem Lande; kinar, nom. pl. Kinder.
Anm« 3« Das Adjectiv mist9rx (vgl. engl, misty) nebelig, regnerisch, hat die
Nebenform m\st9rx\ auch h\8t9rXi adj. böse, zornig, zeigt gedehnten Vocal.
3. Dehnung vor r,
§ 93. Eine ausführliche Besprechung erfordert die Dehnung,
welche in der lippischen Mundart vor r stattfindet. Dieselbe tritt nicht
unter allen Umständen vor r ein, sondern nur dann, wenn r oder
r + Cons. sich im Auslaute findet. Bei r im Inläute ist nur die ge-
wöhnliche Dehnung in offener Silbe wahrnehmbar, und bei r -[- Cons.
im Inlaute bewahrt der vorhergehende Vocal die Kürze. Vor r oder
r + Cons. im Auslaute wird der vorbeigehende kurze Vocal in der
Kegel gedehnt, sodann sinkt die Zunge herab und verhält sich völlig
passiv, während die Stimme forttönt und einen Laut bildet, der durch-
aus unbestimmt im Klange ist und je nur etwas von dem vorherge-
henden Vocale modificirt wird. Wir bezeichnen diesen blosse^ Stimm-
ton mit • vor dem r, es ist derselbe Laut, den Vietor (Elem. der
Phon. S. 68 fF.) und Sievers {Phon. S. 173) durch a darstellen.
Das auf diesen Stimmton folgende r ist stimmhaft, es ist kurz,
und weil die Zunge eine zu starke Hebung ausführt, von einem Reibe-
geräusche begleitet. (Vgl. über dies r Vibtor, Elem. jder Phon. S. 104.)
Folgt auf das ausl. t ein mit Vocal beginnendes Wort, so wird das-
selbe zum gewöhnlichen uvularen r^ dessen Aussprache Einl. II, A,^
angegeben ist.
Anm« Silben, bei denen in der besprochenen Weise Stimmton zwischen Vocal
und r tritt, sind als zweigipflige zu bezeichnen (vgl. Sievers, Phon. S. 1^8 ff.).
Geht dem 'r ein Diphthong voraus, so findet manchmal geradezu ein Zerfall in zwei
Silben statt, z. B. bei spüi'r, n. (as. spar) der einzelne Hahn, das einzelne Gras,
Haar etc. Das auf einen lipp. Diphthong folgende r ist stets t, d. h. r mit vor-
hergehendem Stimmtone.
Wörter, in denen der ursprünglich kurze Vocal vor t gedehnt ist,
sind z. B.
nä'r^ m. (ahd. narro) Narr; x^*^> ^^j' (^s. ^aru) vollständig ge-
kocht, gar.
i?T, m. (ahd. bero) Bär; sm^'r, m. (ahd. smero) Fett, Schmer.
X^wi'Tj n. (mhd. gewer) Gewehr.
spgr^ f. (ahd. spor) Spur; /öt, f. (mhd. vurch) Furche v dgr^ n.
(as. dar) Thor.
dü'r^ f. (as. duri) Thür; »j^t, adj. (ahd. mumm) mürbe, weich.
% 9I:. Folgt in der betreffenden Silbe dem *r noch ein Consonant
Sil Die Vocale der lippischen Mundart
(Liquida, Nasal oder Dentalis), so ist es in einzelnen Fällen, besonders
bei vorhergehendem ^ schwer zu bestimmen, ob eine zweigipflige
Silbe oder geradezu zwei Silben gesprochen werden. Geht a dem
T + Cons. voran, so erhält man im allgemeinen mehr den Eindruck
einer zweigipfligen Silbe.
Beispiele:
wä-miy adj. (as, warm) warm; ä'rm, adj. (as. arm) arm; aT;c, adj.
(ahd. arff) arg, böse.
de-rm^ m. (as. tharm) Darm; ^e^rl, m. (vgl. an. h^rr) Flachsstengel;
laife-rly m. Ackerlolch.
stfrt, m. (ahd. sterz) Schwanz; 'fr^, m. (mhd. hert) Herd; x?'^r
adv. (as. ^^»o) gern; st§'rn^ m. und f. (ahd. stern) Stern; y^•r;^, adj. (as.
ferri) fern; tib^'m, m. (mhd. zmrn) Zwirn; ä?t/, m. (mhd. kerl und
karl) Mann, K^erl.
niiyrx, adj. (vgl. mhd. niu-geme) neugierig.
stQ'rmy m. (ahd. stürm) Sturm.
b^'rty n. (as. bord) Brett mit einem Bande, das an der Wand be-
festigt wird,
slvk'rn, m. der alte ausgetretene Pantoffel.
kü'rsk, adj. (zu lipp. k^r9n, swv. sprechen) gesprächig.
§. 95. Bei Silben, in denen auf r ein l oder n folgt, kann der
Stimmton auch verlegt werden, so dass er statt vor r vor l oder n
tritt, resp. / und n sonantische Function übernehmen, da dann stets
zwei Silben entstehen. Statt der in § 94 angegebenen Formen mit
Stimmton vor dem r kann es also auch heissen:
Äfr*?, m. Mann, Kerl; x?r*», adv. gern; st^-n, m. und f. Stern;
tto^rnj m. Zwirn; Slürn, m. der alte ausgetretene Pantoffel.
Im ganzen liebt die Uppisehe Mundart mehr, den Stiixmiton vor r ein-
treten zu. lassen als vor l oder n. Bei Infinitiven oder andern auf lipp. »r9m aus-
gehenden Wörtern wird in der Regel ebenfalls ein Stimmton vor r gebildet, wobei
dann das 9 der Nebensilbe ausfällt, resp. n seine sonantische Function verliert.
Man hört in der lippischen Mundart nebeneinander wär9n und töä'rn, swv. (as.
warön) dauern ; totran und toVm, swv. (as. tcerian) wehren, hindern ; boran und bo'rn,
part praet (as. giboran) geboren; iSran und Äö*r«, swv. (ahd. burren) heben, tragen;
er^n und f'm, f. (as. ^da) Erde; serBn und «frw, f. Scheere, bürdn und bü*m, f.
Kissenbezug; kqr^n und kö'rn^ f. (mhd. karre) Karre. Geht der Silbe „raw" ein
Diphthong voraus, so wird der Stimmton stets vor f gebildet: *oi'r«, swv. (g. hamjan)
hören; rüi-rnf swv. federn (von Vögeln gesagt); ;^/ewrw, swv. glühen.
§ 96« Dehnung und Stimmton vor r tritt selbst unter den ange-
gebenen Bedingungen nicht in jedem Falle ein. Ist der dem r fojh
gende Consonant ein stimmloser Geräuschlaut, so hält sich in der
Begel der kurze Vocal. Es heisst im Lippischen:
in. Tbeil. Allgemeine vocalische Erscheinungen. 55
ferwerf^ m. (vgl. mnd, werf) Verdienst; korf m. (mhd. horp) Korb;
torf^ m. (as. turf) Torf; dörp, n. (as. thorp) Doif; — berx, m. (as.
herg) Berg; werk^ n. (as. werk) Werk. — 'cr^, n. (meist *erfe, as. Aerto)
Herz; Swartj adj. (as. swart) schwarz; kort, adj. (Gl. Lips. Awr^) kurz;
mortsk, adj. gewaltig; trtr«A, adj. verwirrt im Geiste, unvernünftig.
Doch finden sich jauch wieder einzelne Wörter, in denen trotz
der dem r folgenden stimmlosen Cons. Dehnung eingetreten ist, z. B.
heisst es:
särp, adj. (as. skarp) scharf; st^'rt, m. (mhd. sterz) Schwanz.
In dem Worte /^ItV, n. Geschirr, erscheint ein kurzer Vocal vor
ausl. r, was sonst im Lippischen nicht vorkommt, vielleicht weil sich
% ursprünglich vor inl. Doppelconsonanz fand (vgl. mhd. geschirre),
kam. Bei inL r sind kurze Vocale im Lippischen nicht gerade unmöglich, aber
sie erscheinen doch nur selten:
mur9n, swv. murren; jpMraw, swv. etwas berühren, losmachen; knur97ij m. ein
grosses Stück Fleisch oder Brot; flirdn, pL (Nebenf. flir9n) Launen, Grillen.
§ 97« Nur als eine individuelle Eigenthümlichkeit, die aber den-
noch nicht selten beobachtet wird, ist die Substitution eines a für ein
r zu betrachten. Die nahe Berührung zwischen a und r erklärt sich
durch die gemeinsame Articulationsstelle (vgl. § 2 und^ Einl. II, A, 2).
a kann für ein r in Haupt- und Nebensilben eintreten, in beiden
Fällen Sowohl für ausl. r als für r vor einem andern Consonanten*
Am häufigsten erscheint a für r nach einem o-Laute.
Beispiele:
1. "^ö, n. (as. hdr) Haar; J^a, n. (ahd.y<^r) Jahr; ipa, m. Bär; dilay
T. (as. duri) Thür;
hgatj m. Bart; xQan, m. Garten.
8Qaj9j f. {as. sorga) Sorge.
2. Nach dem a, welches in Nebensilben für r (ar) eintritt, hört
man in der Begel, ehe der folgende Consonant gebildet wird oder im
Auslaute den Stimmton, welchen wir mit • bezeichnen (vgl. § 93):
raka'j m. (sonst rakdr] schlauer Mensch; wakw adj. (sonst wakar)
hübsch; heta', comp, (sonst Je^^r) besser; nüsta-n, swv. (sonst nüstarn)
durchsuchen; ste^kä'nj swv. (s. stetikarn) anzügliche Reden führen;
pötkä'n, swv. (s. pötkarn) Bezeichnung eines Kinderspieles, das mit
einem Ball und vier Würfeln gespielt wird.
Anm« Geht dem r ein a voran, so erfährt dies Dehnung, den Uebergang zum
nächsten Consonanten vermittelt der Stimmton. Die betreffenden Wörter lauten
dann z. B.
wä'm, adj. (as. warm) warm; ä'm, adj. (as. arm) arm; ^äp, adj. (as. skarp)
scharf; sä'päzef m. (wörtlich: Scharfhase) Igel.
{In Bezug auf die Subgtitution eines a für r, er vgl. Vibtor,
Elem. der Phon. S. 41, Anmerk. 1.)
56 Die Vocale der lippischen Mundart.
VII. Ersatzdehnang.
§ 98« In einzelnen lippischen Wörtern hat bei Ausfall eines Con-
sonanten (lesp. Cons. + Vocales) ein vorhergehender Vocal Dehnung
erfahren. Wir betrachten diese secundären Längen (wie es auch bei
Behandlung der altern germ. Sprachen geschieht) als organisch lange
Vocale und bezeichnen sie daher durch den Circumflex.
1. Aelteres a > lipp. ä:
swäman, swv. (vgl. mhd. swadem, m.) dampfen, gelinde regnen.
2. a) älteres e [a) > lipp. ^:
se^ praet. (zu as. seggian) sagte; m^r9^ f. (ahd. marha) Mähre.
In dem Worte mekdn^ n. (vgl. ahd. magad) Mädchen, hat zur Länge
des 4 vielleicht auch Vocalisation des g beigetragen.
b) älteres e [a] ^ lipp. %:
mika, m. (vgl. a.n. maÖAr, Gylfag., ed. Wilk. 18, 7) Regenwurm;
mikan, swv, Würmer aus der Erde suchen.
Aniii« Der Uebergang des durch t-Uml. aus a entsandenen e [S] 'mi beruht wahr-
scheinlich auf Quantitätsverhältnissen, vgl. § 68, 2.
3. älteres e > lipp. S:
I4x, adj. (vgl. mhd. ledec) frei, ledig.
4. älteres i > lipp. j:
wima, f. (mhd. toideme) Pfarre; pik, m. (vgl. engl, pith) Mark^
"Eiter im Geschwür.
twildj tto^bj f. (vgl. ahd. zwisila) der gabelförmig gespaltene Ast.
§ 99« In den meisten Fällen ist in der lippischen Mundart für
Vocale, die nur durch Ersatzdehnung lang waren, der Diphthong ein-
getreten, welcher der alten organischen Länge entspricht.
1. Aelteres a (durch Ersatzdehnung (^) >• lipp. (^) aw:
Xam, f. (ahd. gans) Gans.
Anm« Die secundäre Länge 6, au hat wieder Contraction erfahren in dem
"Worte x^^^h n. Gänschen.
2. älteres e > lipp. ai, cbu:
traina, f. (vgl. as. trahnt) Thräne.
ncmmdn^ swv. (as. nemnian) nennen.
3. älteres e > lipp. ceu:
seeuan stv. (as. sehan) sehen; sceuarij stv. (ahd. sköhan] geschehen.
4. älteres i {e) > lipp. §^^:
düusdl f. (ahd. distil) Distel; d^usan, f. (vgl. mhd. dehsertj stv.)
eine Abtheilung zurechtgemachten Flachses, wie er um den Bocken ge-
legt wird; kl^ustor, m. (mhd. klenster) Kleister.
Schon im As. ist Ersatzdehnung eingetreten in den Wörtern: fuuta,
num. (as. yj/, %- firaf) fünf; ^ut^ conj. (vgl. as. «l9,' g. sinpi] seit;
d^tistarj adj. (ahd. diiistar) finster.
III. TheiU Allgemeine Tocaüsche Erscheinungen. 57
5. älteres o > lipp. au:
drausdl^ f. (ahd. drosca, mhcl. droschet} Drossel.
' 6. älteres u > lipp. iu:
stjuidHy n. (vgl. ahd. stumbal) 1. ein geringer übrig gebliebener
Theil, 2. B. eines Stückes Zeug etc., 2. ein wenig, ein bischen; Smimkarn,
swv. (vgl. mhd. ^mumeln) schmunzelnd lachen.
Schon im As. ist Ersatzdehnung eingetreten in dem Wqrte \uz9^
pron. (as. ika, g. unsar) unser.
7, älteres u (bei f-Uml.) > lipp. üi\
rü{9j m.' (Nebenf. ru9, vgl. mhd. rüde) Hund; brüten, swv. (vgl.
-ahd. brutten, swv, erschrecken) necken, ärgern.
VlIL Diphthongirnng betonter Vocale im Anslante. ,
§ lOO« Von betonten Vocalen im Auslaute (gleichgültig, ob sie
ursprünglich oder erst durch Abfall von Consonanten auslautend ge-
worden sind) duldet die lipp. Mundaxt in der Regel nur ä und o : babd,
interj. pfui! lala, interj. ziemlich; dg da; wonach. Für andere Vocale
treten dagegen meist die entsprechenden Diphthonge ein.
Anm. 1* In dem Worte If, n. Bodensenkung, Abhang, hat sich ein ausl. i gehalten.
Beispiele der Diphthongirnng betonter Vocale im Auslaute:
1. sai, S€BUj pron. 1) nom. sing. fem. (as. stu) sie; 2) nom. pl.
{as. sia, stu) sie; ^«w, pron. nom. sing. masc. (as. hi, he) er; deeu,
pron. dem. und rel. 1) nom. sing. masc. und fem. (as. thie, thiuy the)
der, die; 2) nom. pl. (as. thia, t?iie, the) die; fceu, n. (as. fehu) Vieh;
^tmij interj. heh '^opceu, m. Lärm, Unruhe.
2. m^u (as. mij resp. mik), 1) mir, 2) mich; d^u (as. thi, resp. thik)
1) dir, 2) dich; tc^ü (as. wi) wir; j^u (as. ffij ihr.
3. TiaUy adv. (as. nah) noch.
4. diu (as. thu) dvL] ntu (as. nu) nun,
Anm* 2* Einigen der angegebenen Fürwörter («^21,/^ßM, ckeu) liegen ursprüng-
lich diphthongische Formen zugrunde; aber es ist nicht wahrscheinlich, dass sich
diese direct in die lipp. Diphthonge umgebildet haben, weil sich theilweise schon im
As. Formen mit einfachem Yoeale finden (z. B. hi, he, the),
Anm« 8« Wenn die lippischen Fürwörter unbetont sind, so erscheint statt des
Diphthongen nur a. Bei schneller Rede hört man meist '^ er, w sie, d» die. Auch
bei Anfügung an ein vorhergehendes Verb hört man die abgeschwächten Formen,
z. B. ^esta hast du; xif^^ giebt er; icitva wollen wir; 8ÜJ9 sollt ihr.
IX. Durch Vocalisirnng von Consonanten entstandene Diphthonge.
§• lOl« In einzelnen Wörtern der lipp. Mundart hat sich der
Diphthong at (resp. als Vertretung ceu) infolge des üeberganges eines
58 ^^^ Vocale der lippischen Mundart.
älteren g (durch die Mittelstufe j) in i gebildet. Ein auf diese Weise
entstandener Diphthong erscheint in:
ai9, f. (Nebenf. ej9j ahd. egga) schmaler Bergrücken, aizix, adj.
reizbar, und aisk^ adj. hässlich, gehören beide zu g. ag%s\ 8aÜ9, f. (mhd.
segense) Sense; riBunske^ m. [rainaka] Beiname des Fuchses,"Tst ent-
standen aus älterem ragin und der Ableitung eken, eke,
Anm» Wörter, die in den Siteren germ. Sprachen Diphthong oder auch Vocal
+ Halbvocal w haben, erscheinen im] Lippischen meist mit diphthongischen For-
men, z. B. knauy n. (g. hniu, knivis] Knie; «9uau, m. (as. Wo) Schnee; tocBu, adv.
[vgl. ahd. wS, wiwes) weh; kkeu, m. (Kebent kl^9m, ahd. kleo) Si^ee; aulam, n.
(vgL ahd. awi\ Ziegenlamm. — aai, f. (as. sio) See. — »trau, n. (ahd. strao) Stroh;
fraUf adj. (ahd. /rao, fraw) froh; fro%d9f f. (ahd. /retriiÄi) Freude; fau, m. {^xX^pavo)
Pfau.
X. Vertanschnng der Diphthonge und Doppelformen.
§ 102* 1. Die Beispiele sind nicht häufig, dass ein Diphthong gegen
den andern vertauscht wird, obgleich mehrere derselben sich lautlich
sehr nahe stehen.
a) ai erscheint statt oi, t-Uml. des lipp. Diphthongen au in aimkon^
n. (zu älterem ömeke'^] kleines Kind.
b) §M statt lipp. ai in: h%u&y m. (mhd. Ämj) Kreis.
c) au statt lipp. ^ in spaun^ m. (mhd. spän) Span.
d) ^u statt lipp. au in ofSfun^ adv. (vgl. ahd. scöno) obschon; ^ugiar,
m. und n. (zu ^u vgl. Wobstb, Wörterb. unter „^r") Neben-, Hülfshirt
resp. Neben-, Hülfshirtin.
e) Die lipp. Wörter ^w^, f. (as. ßöd) Fluth, tcput, f. (ahd. touoti)
Wuth, xrfz/5, m. (ahijl. gnco^) Gruss, xU^^j f« (ahd. gluot) Gluth, zeigen
zu, obgleich sonst allgemein geltende Begel lipp. ^u erwarten liesse
(vgl. § 28).
f) ui statt oi, «-Uml. des germ. d, zeigen: %mt«a/i, swy. (as.
grötian) grüssen; drtfisBy f. (mhd. drüese) Drüse.
2. Nur wenige Wörter erscheinen in Doppelformen, je mit den
Diphthongen ^u und %u.
Neben dem regelmässigen ^u erscheint fU in sp^ul9, spiubj f.
(mhd. spuole) Spule; wr^W^B, tüfiu^9, f. (vgl., as. wrögian) 1. Anzeige
eines Vergehens; 2. Holzlieferung aus dem Gemeindeholze.
Ferner erscheinen fw und %u nebeneinander in den Wörtern
j^upd \midLjiup9, f. Schöpfeimer mit d^irchgehendem Stiele; wept^uk97i,
wepfiukdnf pl. die langen Zweige der Hundsrose.
in. Theil. Allgemeine voealische Etscheinungen. 59
Anhang.
Terhältnis der lipp« organischen Längen nnd Diphthonge zn den
as. Längen nnd Diphthongen.
§ 103. Dass in dem Gebiete, zu welchem Lippe gehölt, dem
alten Engern, einst das As. oder ein demselben sehr nahe stehendes
Idiom geherrscht hat, kann keinem Zweifel unterliegen (vgl. Piper,
Sprach, u. Litt. Deutschi. S. 20 ff.). Hinsichtlich der kurzen Vocale
bietet die Zurückführung des Lippischen auf das As. keine Schwierig-
keiten, weniger leicht lässt sich dagegen der Zusammenhang beiden
Sprachen auf dem Gebiete der Längen und Diphthonge nachweisen^
da den as. Längen mit Ausnahme des as. ä (> lipp. 0, vgL § 34) igt
der lipp. Mundart keine Längen, sondern Diphthonge entsprechen (vgL
§ 34). Nur ausnahmsweise finden sich, abgesehen von 9 < as. ä, im
Lippischen organische Längen entsprechend den as. Längen*
Beispiele von organischen Längen:
1. a) As. ä (germ. ä) regelmässig ^ lipp. 6:
köty adj. (mhd. quät) böse, zornig; tcdm^ adj. (vgl. mhd. wcenec)
aufgeregt, übellaunig; togjydn, swv. .^mhd. wägen) wagen; m^ta, f. (mhd.
mäiie) Mass, Flüssigkeitsmas (s. weitere Beisp. § 24)-
b):as. (^ > lipp. ä in den Wörtern:
wäpan, n. (as. wäpan) Wappen ; 14^9, f. (mhd, läffe) Lage, Zustand;
''äkanj m. (mhd. hdke) Haken.
c) as. ä (bei t-XJml.) > lipp. S:
next9f f. (ahd. ndhida) Nähe. /
d) as. ä (bei i-IIml.) > lipp. % (Mittelstufe cb, e):
förnintj adj. (mhd. vüm€eme) vornehm.
Anm« 1« Der Uebergang eines älteren ee, ^ in i beruht wahrscheinlich auf der
Länge des ^ (vgL § 68, 2;..
2. As. S (germ. e) > lipp. 4:
'u'r, adv. (Nebenf. 'ui'r) hier (as. her).
3. As. t (germ. i) > lipp. (:
wi9, f. (ahd. vnda) Weide; nitsk, adj. (zu as. wed? vgl. mhd. nidesch)
unangenehm, widerwärtig.
4. As. 6 (germ. 6) > lipp. ^:
«tt?^, praet. (as. 8w6r, zu swerian, stv.) schwur.
b, As. ü (germ.. ü) > lipp. ü:
8^9^ f. (ahd. «ti) Sau; mük9n^ swv. [voitiA. müchen) etwas aufeparen^
verstecken; w#^, f. ein Vorrath von_aufgesparten Gegenständen.
6. As. e (germ. ai) > lipp. ^:
'^r^, m. (in der Anrede: 'er, as. h6rro) Herr; |rd, f. (as. era)
Ehre; Xft9n, f. (vgl, ahd. gero) der keilförmige Einsatz am Hemde«;
60 I^ie Vocale der lippischen Mundart
l^dn^ swv. (as. iSrian) lehren; l^rdar, m. Lehrer; k^raUj swv. (ahd.
Jkeren) wenden, umwenden; I4n9n, swv. (Nebenf. lainan, mhd. lehenen)
leihen; s4miXi adj. (vgl. as. sem^ m.) dünnbreüg.
Anm. 2. Offenbar igt, wie die Ansahl der angefahrten Beispiele beweist, r von
Einfluss auf die Erhaltung des S gewesen. Germ, r scheint überhaupt Monophthon-
girung zu begünstigen (ygl. die Einwirkung des r im Ahd. auf g. ai und au).
7. As. 6 (germ. au) > lipp. ^:
do'r, m. (mhd. iöre) Thor, Narr; bei t-Uml. ist S eingetreten in
dem Worte oefo, adj. (g. aups) öde.
§ 104. In der Regel entsprechen den as. Diphthongen io und tu
die lipp. Diphthonge eeu und üi (vgl. § 34), nur in wenigen Wörtern
erscheint als Vertreter des as. io (germ. eu) lipp. ^, und als Vertreter
des as. tu (germ. eu) lipp. 4-
Beispiele:
1. As. io (germ. eu) ]> lipp. 4'.
dd s^ka, m. (zu as. siok, adj.) der Sieche, der*Kranke; pr^a, f.
(mhd. phrieme) der gerade Pfriemen; D^tart Familienname (zu g. piuda
und hardus?) ; auf ein secundäxes io ist 4 zurückzuführen in förl, n.
(vgl. 9^.fior^ßwar^ g.ßdvör) ein Viertel.
2- as. iu (germ. eu) > lipp. 4:
du-Ty adj. (Nebenf. dürr, ahd. tiuri) theuer; siu'rnj swv. (Nebenf.
stürm, g. stiurjan) steuern; ^r», f. (Nebenf. küi'rn, mhd. schiuri)
Scheune; yiäl'r, n. (Nebenf. y^^'^, ahd, ^wr, /wir) Feuer.
Aniii. Auch bei diesen Wörtern ist wahrscheinlich r von Einfluss auf die Mo-
nophthongirung gewesen, vgl. § 103, Anm. 2.
§ 105« In dieser Uebersicht dürften, mit Ausnahme von q <C as.
a, die meisten organischen Längen, welche die lipp. Mundart über-
haupt besitzt, zusammengestellt sein; in den übrigen Fällen entsprechen
denas. Längen lipp. Diphthonge (vgl. § 25 — 30). In welcher Weise die
Entwicklung der as. Längen zu den jetzt im Lippischen herrschenden
Diphthongen vor sich gegangen ist, lässt sich, da es an jeder schriftlichen
Fixirung des lipp. Dialectes aus einer weiter zurückliegenden Zeit
fehlt, nur nach allgemeinen Principien imd ähnlichen Erscheinungen
in andern Mundarten verfolgen. Die erste Stufe zur Entwicklung von
Diphthongen aus einfachen Längen war jedenfalls die, dass bei der Aus-
sprache der letzteren Schwankungen in dem Expirationsstosse ent-
standen, durch welche die eingipflige Silbe zu einer zweigipfligen
wurde (vgl. Sievers, Phon. S. 195). Nach Sievbrs (Phon. S. 230) zer-
fällt so »die einfache Lange in zwei deutlicher getrennte Moren, wäh-
rend deren zweiter die Zunge zur Indifferenzlage ein wenig zurück-
weicht oder die specifische Articulation des Vbcales noch etwas verstärkt
ausführt.« In der lipp. Mundart muss das letztere der Fall gewesen
sein, denn die zweiten Componenten zeigen stets eine Verstärkung
III. Theil. Allgemeine vocalische Erscheinungen. 61
der Articulation der entsprechenden as. Länge. Nachdem so einmal
Disgruenz zwischen den beiden Moren entstanden war, konnte die-
selbe durch Einfluss des auf der Stammsilbe ruhenden Accentes (vgl.
Piper, Spr. u. Litt. DeutschL S. 177) noch vergrössert werden, sodass
sich allmähJich zwei durchaus verschiedene Laute als Componenten des
neu gebildeten Diphthongen zeigten.
§ 106. Wenden wir diese allgemeinen Theorieen auf die Entwick-
lung der lipp. Diphthonge an, so haben wir uns z. B. die Entstehung
des lipp. au aus as. 6 (germ. au) so zu denken, dass zunächst durch
Exspirationsschwankungen oo und dann mit Verstärkung der speci-
fischen Articulation ou entstand. Die Entwicklung von ou zu lipp.
au erfolgte dadurch, dass der erste Component im Diphthongen ou sich
frei machte von der specifischen Articulation des zu gründe liegenden
Lautes (<^), d. h. es fand bei o »Entrundung« statt, und damit vollzog
sich der Uebergang von (m in au. — Aehnlich dürfte der Entwicklungs-
gang des lipp. ai aus as. ^ (= germ. ai) gewesen sein.
§ 107. Wie in § 29 angegeben, erscheint in einem Theile des
lipp. Gebietes ^m für as. <) {germ. au\ während in dem grösseren Theile
des Landes au für as. 6 (germ. a«) gesprochen wird. Ob die beiden
Diphthonge au und eu die Producte eines verschiedenen Entwicklungs-
ganges sind, oder ob sie im Zusammenhange stehen und nur eine ver-*
schiedene Entwicklungsstufe bilden , bleibt fraglich. Jedenfalls würde
sich das Hervorgehen des eu aus au eher erklären, als das umgekehrte
Verhältnis. Sprechen wir den Diphthong au mit sehr gedehntem a
und einem mehr nachklingenden Uy so wird a unverkennbar eine
Färbung nach offenem e annehmen, wie ein solches in eu erscheint.
(Vielleicht dürfte an g. ^ = germ. ä, und an die (auf Quantitätsverhält-
nissen beruhende?) Ausweichung des germ. a in ö, die das Ags, bietet,
als an ähnliche Lauterscheinungen zu erinnern sein.)
§ lOS. Lipp. ^u (§ 28] geht zurück auf as. ^ = germ. d. Die Ent-«
Wicklung muss in ähnlicher Weise vor sich gegangen sein, wie die
des eu aus as. 6 =:= germ. au, Li beiden Fällen hat wahrscheinlich die
sehr starke Dehnung des ersten Componenten auch seine specielle
Färbung bewirkt. Dass den beiden ö -Lauten des As. im Lippischen
streng geschiedene Diphthonge entsprechen, weist unverkennbar darauf
hin, dass as. <$ = germ. au^ und as. d=germ. 6y verschiedene Qualität
gehabt haben müssen.
Anni» 1. Von einem Einflugse benachbarter Consonanten auf die Entwicklung
eines Diphthongen, wie ihn z. B. das Ahd. bei der Spaltung des germ. au in ou
imd 6 aufweist, findet sich im Lippischen bei den as. d= germ. au, und as. 6 =
germ. 6 vertretenden Diphthongen kein Anzeichen.
Anm« 2. Ueber den Einfluss von aufsteigender und absteigender Betonung auf
Entwicklung eines Diphth. vgl. SiEVEKS, Phon. S. 229, Anm. 1 und S. 230,
62 Die Vocale der lippischen Mundart.
' § 109. Die Entwicklung des as. ( zu lipp. Sw^ ui (vgl. § 27)V
des as. ü zu lipp. m (vgl. § 30), resp. bei t-üml. zufiij verfolgen wir,
da es an allen Belegen fehlt, nicht im einzelnen. Nur die Thatsache
heben wir noch hervor, dass im Lippischen die Diphthonge, welche
as. <$- Laute vertreten, als erste Componenten e- Laute {eu <C as. 6,
germ. au; ^u <[as. d, germ. ö) haben, während die, welche f- oder ti-
Laute vertreten, als erste Componenten je i- oder w-Laute zeigen
(tu <C 2lb,ü\ $w, tß <C. as. i)^
Terhältnis der lippischen Diphthonge zu den as. Diphthongen.
§ 110. Wie in § 32 und 33 angegeben, entsprechen den as.
Diphthongen io und iu im Lippischen ceu und üi. Es fragt sich nun,
ob die letzteren direct auf den as. Diphthongen beruhen, oder ob sie
aus einer neuen Diphthongirung von einfachen Längen, die durch
eine Contraction der as. Diphthonge io und ew entstanden waren, her-
vorgegangen sind.
1. Dass as. io direct in lipp. eeu überging, erscheint nicht un-
möglich, besonders in Biicksicht darauf, dass as. io aus urgerm. eu
entstanden ist, und somit das lipp. {bu nur eine neue Annährung an
eine ältere Lautstufe (wie eine vollständige Rückkehr sich ja bei lipp.
ai <C SiS, S <C germ. aij und bei lipp. au <Ci aja. ö <^ germ. au zeigt)
sein, würde.
Dagegen lassen sich keine Gründe für die directe Entwicklung
des lipp. ui aus as. iu < germ. eu auffinden. Dass einmal in einem
as. Denkmale die Form ui für sonstiges iu erscheint (s. Heyne, Kl. as.
und andf. Gr. § 7), ist wahrscheinlich blosser Schreibfehler und kann
nichts beweisen.
2. Prüfen wir den andern Weg der Entwicklung von lipp. eeu
und üi aus as. io und iu, wonach zuerst Contraction der letzteren
Diphthonge und sodann eine neue Diphthongirung stattgefunden hätte^
so lassen sich dafür manche Umstände geltend machen. Wir besprechen
zunächst as. io.
Eine Contraction des Diphthongen io zu S erscheint scftbn im
Hildebrandsliede in dem Namen DStrihke^ sie findet sich auch sonst
noch einigemale im As. (s. Heyne, Kl. as. und andf. Gr. § 8, 1).
Häufig ist in as. Denkmälern (z. B. der Freck. Heber.) die Ab-
jschwächung des io zu ie^ die auch auf eine allmähliche Contraction zu
S hinweist. S als regelmässige Vertretung des as. io findet sich in
einzelnen westfäl. Mundarten, z. B. der von Osnabrück. Dieselbe zeigt
durchgängig Formen wie: i^r, n. {a,s, bior) Bier; dSp, adj, {^b. diop) tief;
ßSj9n, stv. {2l%, fliogan) fliegen. Der lipp. Mundart sind die Contrac-
m. TheiL Die Yocale der lippischen Mundart. 63
tionen des as. io in 4 (vgl § 104, *) und in e (vgl. § 79) ebenfalls
iiicht ganz fremd.
3. Liesse sich dies e als die in einer bestimmten Entwicklungs-
phase des Westfälischen allgemein herrschende Vertretung von as.
io ansetzen, so würde: damit auch zugleich eine Erklärung für
die sonst sehr auffallende Thatsache gegeben sein, dass so viele west-
fälische Mundarten Wechsel, lesp. Au^leichung zwischen den Ver-
tretungen von as. io und S (= germ. ai) zeigen. Osnabrück z^ B. ver-
wendet für beide S: hwH, m. (as. swSt) Schweiss; dep, adj. (as. diop)
tief. Münster hat bald für beide ^, bald ai: stin^ m. (as. stSn) Stein,
sevodj adj. (mhd. schief) schief. — Main, adj. (as. kUni) klein; haiton,
stv. (as. skiotan) schiessen. Ravensberg gebraucht den Diphthong ai
für as. io und 6 (vgl. Jbllinghaus, Westfäl. Gr. § 25 — 26.) Die Kpp.
Mundart verwendet für as. 6 (= germ. ai) neben ai sehr häufig den
Diphthong €eu (vgl. § 25, 2,» und ^), welcher regelmässig as. io vertritt
(vgl § 32). ....
4. Von dem folgenden Consonanten hängt im Lippischen der Ein-
tritt de& (BU, resp. ai als Vertretung von as. ^ (= germ. at) nicht ab;
vor dem gleichen Laute erscheint bald der eine, bald der andere
Diphthong: J^ntn^ m. [^^*^r^n^ mhd. swein) ffirtenknabe^ beeun, n.
(as. bSn] Bein. — sail, n. (as. sei) Seil; deeulj m. und n. (as. d^l) Theil.
— laimany m.*(as. ISmo) Lehm, ^ eeumodrüutar , m. (vgl. as. hSm, n.)
Heimtreiber, d. h. Stock. — Ebensowenig ist die Wahl des eeu, resp.
ai von der Qualität eines früheren Suffixvocales abhängig, vor a und
J erscheinen beide ohne Unterschied: spaika, f. (as. spSka) Speiche;
^€Butdn, stv. (as. hStan) heissen; ""aie, m. (as. hSthino) Heide; wceuUn,
m. (as. hwSti) Weizen.
Als Ablaut in der Conjugation werden die Diphthonge ai und ^w
im Lippischen für as ^ (= germ. ai) nicht vermischt, im praet. der
sog. «-K1. erscheint nur ai : ¥ait riss; staix stieg etc. Dagegen er-
scheinen ai und ceu neben einander als Vertretung eines älteren ce, S,
t-XJmlautes des as. ä (vgl. § 50).
Anm« 1« Lipp. ai als Vertretung von as. io kommt nicht vor.
Alim* 2* Dass das S, welches wahrscheinlich als Monophthongirung des as. io
dem lipp. cbu zugrunde hegt, in Qualität mit dem as. S {=> germ. ai) ganz überein-
stimmte, ist in Rücksicht auf den verschiedenen Ursprung beider Laute nicht wahr-
scheinlich. Auch scheint die Diphthongiruug des S (as. io) zu lipp. ceu auf einen
dunkleren Klang, die des as. S (germ. ai) zu lipp. ai auf einen helleren Slang des
zugrunde liegenden #-Lautes hinzuweisen.
§ 111« Wie bei as. io zunächst eine Contraction und dann eine
neue Diphthongirung in der lippischen Mundart stattgefunden haben
dürfte, so ist wahrscheinlich ein ähnlicher Entwicklungsgang auch bei
as. iu zu lipp. üi eingeschlagen. Die Mittelstufe wird ein langes ü,
resp. ü (da iu meist bei folgendem i erscheint) gebildet haben, ü als
64 Die Vocale der lippisehen Mundart
gelegentliche Vertretung des Diphthongen tu (germ. eu) findet sich
schon im As. und noch häufiger im Andf. (vgl. Heyne, Kl. as. und
andf. Gr. § 7 und § 11); einzelne westfälische Mundarten verwenden
regelmässig ü für as. tu. Osnabrück zeigt z. B. die Formen lua, pl.
(as. liudi) Leute; dütsk, adj. deutsch; Münster: Ittda^ pl. Leute; /tör, n.
Feuer; Grafschaft Mark: lü, pl. Leute; dudsk, adj. deutsch. Auch im
Lippischen erscheint als Contraction von as. iu in einzelnen Wörtern u
fvgl. § 104,2) resp. ü (vgl. § 80).
Anm* Die Thatsache, dass auch im Mnd. ^ als Vertretung von as. io und H,
ä als Vertretung von as. iu erscheinen, haben wir bei unsern Untersuchungen un-
berücksichtigt gelassen,! weil der Zusammenhang der westfäl. Mundarten mit dem
Mnd. eine noch durchaus offene Frage ist.
B. Tocalische Erscheinungen in unbetonten Nebensilben.
§ 113« Als unbetonte Nebensilben erscheinen in der lippischen
Mundart Stammsilben, Ableitungssilben und Flexionssilben. Stamm-
silben können nur durch Composition zu Nebensilben werden, in dieser
Stellung erleidet ihr Vocal, resp. Diphthong in einzelnen Fällen Ver-
kürzung, Abschwächung zu 9 oder Syncope (vgl. Beisp. w. u.) In den
Ableitungs- und Flexionssilben ist fast durchgängig Verkürzung, Ab-
schwächung oder Ausfall der früheren vollen Vocale eingetreten. Diese
Lauterscheinung ist eine Folge davon, dass der ursprünglich freie idg.
Accent im Germanischen unveränderlich an die Stammsilbe gebunden
wurde, die nun an Tonwerth gewann, was den Suffixen entzogen wurde.
L Verkürzung, Abschwächung und Syncope der Vocale in Stamm-
silben, die durch Composition zu Nebensilben geworden sind.
§ 112« In Composita, die durch Zusammensetzung von Nomina
entstanden sind, erhält die Stammsilbe des zweiten Wortes den Tief-
ton und wird gegenüber der Stammsilbe des ersten Wortes, welche
den Hochton hat, zur Nebensilbe. Diese zu Nebensilben gewordenen
Stammsilben behalten im Lippischen, solange sie in ihrer ursprüng-
lichen Bedeutung gefühlt werden, vollen Vocal, resp. Diphthong.
Beispiele: frgitüutj f. (vgl. ahd. fruo und zlt) Frühling; liluftuxt^ L
(vgl. as. Uf und tuht) Besitzthum des alten Bauern, der dem Sohne
den Hof übergeben hat; sndtsttBun^ m. (lipp. hnöty f. Grenze) Grenz-
stein; "^elxrgin, adj. hellgrün. Auch die Stammsilben derjenigen Wörteij
welche schon in den älteren germ. Sprachen in regelmässiger Weise
zur Composition verwendet wurden, haben meist vollen Vocal resp.
Diphthong bewahrt, z. B. heisst es: x^^^^^^^j ^' faiV = as. hed) Ge-
in. TheiL Allgemeine vocalische Erscheinungen. 65
wissheit; op9nl6'r, adj. (5^-r = ahd. häri) offenbar; sletsam adj. [sam ==
as. sum) nachlässig; hauB^ aft, adj. {^ aft •=^ 9A. haft) boshaft.
YerkÜTZung eines as. % zu t ist eingetreten in lipp. lik (as. lili\ :
wunarlikj adj. (as. wundurllk) wunderlich.
Anm« Statt des a in as. »sA^op« (skepi) ist im Lippischen o eingetreten: früni-
skop, f. (as. friundakepi] Freundschaft, ausser der Betonung mag auch p zu diesem
Lautwandel beigetragen haben (vgl. § 63).
§ 114. Bei bestimmten Zusammensetzungen, in welchen das zweite
Wort nicht mehr in seiner ursprünglichen Bedeutung empfunden wurde,
ist dasselbe wie eine Ableitur^ssilbe behandelt und ganz tonlos ge-
worden; für den ursprünglich langen oder vollen Vocal trat alsdann 9
ein. Beispiele: w^J^r, m. (as. nä-lür] Nachbar; eimr, m. (as. em-h^r)
Eimer; nem9t (a«. mo-ma») niemand; ""ümar f. (mhd. hint-ber) Himbeere;
briimor, f. (mhd. bräm-ber) Brombeere; x^^^^^j ^- (nihd. grüen-mät)
Grummet.
§ 115. In einzelnen Fällen ist bei Composita der Vocal, resp.
Vocal + Cons. in der Stammsilbe des zweiten Wortes ganz ausgefallen:
dünja, f. (ahd. dunwanga) Schläfe, brüim^ m. (zu as. brüd und
man) Bräutigam; baks, n. [zu as. bakan, stv. und hüSy n.) Backhaus,
Backofen.
§ 116. Werden Partikeln zur Bildung von Composita verwendet,
so bilden sie den ersten Theil derselben; sie treten vor Nomina und
Verba. Die hier in Betracht kommenden Partikeln haben im As. die
Formen bi (6*), and^ ant, ur, gi (g. ga^ lat. cwm), far.
Anni« 1« In der Zusammensetzung mit Nomina behalten die Partikeln, weil sie
den Hauptton haben, theilweise den vollen Vocal auch im Lippischen, so heisst es :
untwewrt, f. (as. andwurdi) Antwort; urlaufy m. (as. orkf) Urlaub; büufal, m. (hüu
s as. 6t, bi) BeifalL As. gi und far sind im Lippischen auch in der Composition
mit Nomina unbetont und erleiden daher Abschwächung ihres Yocales zu 9 : ;^9^tf /^,
f. (as. githüld) Geduld; f9rlust, m. (as. farlust) Verlust.
In der Zusammensetzung mit Verben gehen die Vocale der Par-
tikeln, weil die letzteren unbetont sind, sämmtlich in o über. Beispiele :
b^drtBujdfij stv. betrügen; sik 9rbarm9n^ swv. sich erbarmen; xrfahnj
stv. gefallen; %9liii9n, stv. gelingen; fordripUbBrij stv. [bls, fardrthan) ver-
treiben; as. ant findet sich selten im Lippischen, man hört wohl ant-
Xehn, stv. (as. antgSldan) entgelten, doch scheint dies Wort dem Hoch-
deutschen entnommen zu sein.
Anm« 2« Von den nominalen Zusammensetzungen sind zu unterscheiden die Ab-
leitungen aus verbalen Zusammensetzungen, welche die Partikeln auch nur in abge-
schwächter Form haben, z. B. h9dr€euj9r, m. (von b9drauj9n, stv., s. oben) Betrüger,
9rbermlik, adj. (von 9rharm9nf swv., s. oben) erbärmlich.
§ 117. Treten die Partikeln J9, xd, fdr vor ein mit Vocal be-
ginnendes Wort, so fällt ihr Vocal aus: Jajja, adj. (vgl. g. bi und aggvus)
Vocale der lipp. Mundart. 5
66 I>ie Vocale der lippischen Mundart.
bange; xümn, anv. (as. giunnan) gönnen; freUn, stv. (a« ^far^eU
fressen. Ein solcher Ausfall des Yocales findet auch hin und wieder
vor anlaut. Cons. statt, z. B^ b^utan, stv. (as. biliban) bleiben; x^^^»
adj\ (as. fftlik) gleich; ;cn3jA% adj. (mhd. geringe] gering; ximeum, f.
(mhd. gemeine) gemeinschaftlicher Grundbesitz.
II. Yerkttrzang, Abschwächnng and Syncope der Vocale in
Ableitungssilben.
§ 118. Die Ableitungssilben, welche bei Substantiven, Adjectiven
und Verben erscheinen, zeigen im Lippischen die Vocale «, ö, u und a.
Anm* Da eine ausführliche Behandlung dieses Abschnittes zu weit in das Ge-
biet der Wortbildungslehre führen würde, und diese ausserhalb unserer Aufgabe
liegt, so beschränken wir uns auf eine Uebersicht der wichtigsten Veränderungen,
welche die Vocale der Ableitungssilben im Vergleiche zum As. erlitten haben.
.§ 119« 1. Nicht alle lippischen Ableitungssilben zeigen Verkürzung,
Abschwächung oder Syncope der Vocale, ein älteres i hat sich z. B. in
einzelnen Ableitungssilben, wie in^ irjji, lirik^ ixi «A, isk erhalten: fründin,
f. [dihd. früintin) Freundin; fgitlitik, m. Fuss am Strumpfe; kesarlit^kj m.
(mhd. kiselinc) Kieselstein; könixy m. (as. kuning) König; lütik^ adj. (Nbf.
lütky as. luttik) klein; sfwiskj adj. reizbar; dttiskj adj. verwirrt (vgl.
dieselbe Endung in as. kindisk, adj. etc.).
Anm« 1« In der Ableitungssilbe ük ist das % im Lippischen nur dann erhalten,
wenn die vorhergehende Stammsilbe lang ist und mit stimmhaftem Geräuschlaute
schliesst; in allen andern Fällen ist nur sk geblieben, daher heisst es: x^^P^^t ^^j*
habsüchtig, gierig; lersk, adj. gelehrig.
Anm« 2* Einzelne Substantive, wie htik, m. Bund Stroh, rudikf m. kl. ver-
kommenes Geschöpf, zeigen im Lippischen die Ableitungssilbe ik. Dieselbe beruht
wohl ebenfalls auf älterem ing, doch wäre auch eine Zarückführung auf älteres ac,
uc möglich.
2. Für as. nussij nessi erscheint im Lippischen isa, wahrscheinlich
eine dem Hochdeutschen entnommene Form: '^idernisa, f. Eilfertig-
keit; fdrloifnis9j f. Erlaubnis.
3. Das u in as. ,,unga^^ erhält sich im Lippischen, z. B. in dem
Worte mceunuTidy f. Meinung, oder es geht in e über: doipe^Oj f. Taufe;
doch ist die letztere Form die häufigere.
§ 120. Verkürzung eines as. i zu i zeigt die Ableitungssilbe ix
(as. ig) : noidixj adj. nöthig; x^^^^^^X adj. gutmüthig; umbenix, adj.
schwer zu lenken, bösartig.
Anm« !• Die as. Ableitungssilbe mg^ ist im Lippischen ebenfalls zu t> gewor-
den, nur an dem Eintreten, bezw. Fehlen des Umlautes in der vorhergehenden Silbe
lässt sich erkennen, welches Suffix dem lipp. %x wahrscheinlich zugrunde liegt. Bei
hasixy adj. herbe, x^^^^X^ a^J- geizig, gierig, liegt wohl älteres ag vor (weil kein
Umlaut eingetreten ist). Doch mögen Analogiebildungen diese alten Unterschiede
vielfach verwischt haben.
III. TheiL Allgemeine vocalische Erscheinungen. 67
2» Die lippische Ableitungssilbe 9rx ist eine Analogiebildung nach Wör-
tern wie as. ettarag, adj, giftig, bei denen die Ableitungssilbe ag [ig) an ein Wort
trat, das auf ar, or\ ur etc. ausging. Im Lippischen ist ohne Ausnahme der Vocal
der Ableitungssilbe ausgefallen: solt^rx, adj. salzig; bleutarxt adj. blutig (vgL
§ 125, 2).
§ 12L Alle Yocale in andern Ableitungssilben als den ange-
führten sind im Lippischen zu 9 abgeschwächt. Wir führen einige
Beispiele an, indem wir je von dem zugrunde liegenden as. Vocale aus-
gehen:
1. as. a > lipp.d: fiskar, m. {sis.ßskari) Fischer; wesal, m. (as.
wehsal) Wechsel; nßdl^ m. (as. netal] Nebel; wätar, m. (as. watar)
Wasser; nftnan, stv. (as. niman) nehmen.
2. cw. iy % > lipp. 9: xühn, adj. (as. guldin) golden; Unon, adj.
(as. Kntn) von Leinwand; frd», adj. (g. air peius) irden; 'em^?, m. (as.
himit) Himmel; stifutalza, n. {»he = as. tsU^ vgl. as. dopisli, n.) Stärke
zum Steifen der Wäsche.
3. ajs. ö, > lipp. a: kaupan, swv. (as. köp6n) kaufen; mäkon,
swv. (as. makön) machen; boden, m. (as. bodom) Boden.
Anm« 1« Lipp. ein als Ableitung bei Verben lässt sich ahd. olän, elön (z. B.
hwarheldn) vergleichen: 8uk9ln, swv. saugen; ;if»<i^9/», swv. nagen. Lipp. »rn ist
wahrscheinlich eine Analogiebildung nach Wörtern, wie as. sikar^n, swv., bei denen
das Suffix ön an ein auf ar, or, ur, ir (Comparativ) ausgehendes Wort trat. Im
Lippischen ist, ebenso wie bei olön, ohne Ausnahme der Vocal der Endsilbe aus-
gefallen: mülmarnf swv. stauben, büfem, swv. beben (vgl. § 125, ^},
4. as. w >> lipp. a: arial, f (as. angul) Angel; ^amer^ m. (as. hamur)
Hammer.
Anm« 2« Die romanische Endung »a, %e, hochdeutsch ei, wird im Lippischen
zu ijd\ hrtfberijd, f. Brauerei, tixelije ^ f. Ziegelei. Den Diphthong ceu entwickelt
die lipp. Mundart in dem verbalen ^uffix, welches im Hochdeutschen die Form
Iren hat und welches sich fast nur bei Lehnwörtern findet: kumand<BU*rn, swv. kom-
mandiren; rejeßwrn, swv. regieren.
§ 122. Bei einsilbigen Ableitungen zeigt die lippische Mundart
nur selten Ausfall des Vocales (resp. des Vocales + Cons.), doch
hört man:
famtj m. (mhd. vadem) Faden; gm, m. (as. dSom) Athem; 'ap*A,
adj. gierig im Essen; knipskj adj. schlau (vgl. § 119, Anmerk. 1). Sehr
häufig ist dagegen bei zweisilbigen Ableitungen Ausfall eines Vocales
eingetreten, so z. B. haben die as. Ableitungssilben itha imd isca im
Lippischen regelmässig den ersten Vocal eingebüsst: dceupia, f. (as.
diupitha) Tiefe ; ngberske^ £ (vgl. Frbck. Heber, abdisca, f.) Nachbarin
(vgL § 125,1).
68 ^ie Voeale der lippischen Mundart.
IIL ÄbschwächuBg und Syncope der Voeale in Flexionssilten.
§ 128. In den Flexionsendungen der Declination, Comparation
und Conjugation sind die as. vollen Voeale im Lippischen ohne Aus-
nahme zu 9 abgeschwächt. Wir beschränken uns hier auf die Herbei-
ziehung einiger Beispiele, da eine weitere Ausführung dieses Ab-
schnittes der Flexionslehre angehört.
dä'^os, gen. sing. (as. dagtis] Tages; da'^9, dat. s. (as. daga) Tage;
ßskdfiy dat. pl. [^j&, ßskon) Fischen.
fii,uk9r, comp. {9r = as. «V, bezw. 6r) reicher.
Xlt9 (as. ffiSu) gebe; %ife^ (as. ffäiad) geben; x<^^^^ (as. ffdtiny
gäbin) gäben
§ 124. In Flexionsendungen, die auf eine betonte Stammsilbe
folgen, findet Ausstossung des Vocales im allgemeinen nicht statt.
Doch erscheint Syncope hin und wieder im gen. sing, bei stammausl.
stimmloser Consonanz : straks, adv. geradeaus, sofort ; jiuks, adv. schnell,
eilig. In den Formen der 2. und 3. pers. sing, indic. praes. werden
Bildungen mit und ohne 9 neben einander gebraucht, man hört sowohl
löpt und mäkt wie löpdt und mäkat (läuft, macht). Nur bei den Verben
der sog. «- und t^-Kl. tritt regelmässig Syncope des Vocales ein: hift
schreibt ;/%< fliegt (vgl. § 84,3).
IV. Ansstossnng and Beibehaltung der Voeale in zwei anf einander
folgenden nnbetonten Silben.
§ 126. Durch zweisilbige Ableitungen, durch das Hinzufügen
einer zweiten Ableitungssilbe oder einer Flexionssilbe an eine Ableitungs-
silbe treten häufig zwei unbetonte Silben neben einander. In diesem
Falle zeigt die lippische Mundart das Bestreben, einen der betreffenden
Voeale zu syncopiren.
Anm« Bei eineelnen Ableitungen, die viele Consonanten haben, ist allerdings
eine solche Syncope nicht möglich, alsdann halten sich die Voeale in beiden Silben :
oijalkmf n. Aeuglein; toüdVcm, swv. weissen; rüut9lz9, n. die zerriebene Masse.
1. Bei zweisilbiger vocalisch ausgehender Ableitung oder bei der
Hinzufügung einer Flexioüssilbe ^n eine Ableitungssilbe wird in der
Kegel der Vocal der vorletzten Silbe syncopirt. So erscheinen neben-
einander: penixi m. Pfennig, penjOj pl. Pfennige; menix, pron. manch,
menj9f pl. manche; könix, m. König, könjdsberx^ m. Königsberg; x^^^
adj. golden, x^/wa, pl. goldene; nökaln^ swv. ärgerlich sprechen, nökh^
praet. sprach ärgerlich; steijkarn, swv. höhnisch sprechen, ste^ikra,
praet. sprach höhnisch ; markatj m. Markt, marktd^ dat. sing. Auf dem
gleichen Gesetze beruht die Syncope des i in den as. Ableitungen isca
und iiha {ida)j lipp. sko und ta (vgl. § 122).
III. Theil. Allgemeine vocalische Erscheinungen. 69
2. Wenn r oder / die vorletzte, Nasal oder Geräuschlaut die letzte
Silbe schliessen, so wird der Vocal der letzten Silbe syncopirt. Daher
lautet z. B. der dat. pl. bei den Wörtern auf a/, 9r stets a/w, om (nicht
dfow, dTBn^ oder hn^ ron) : nqddln, dat. pl. Nadeln ; firidm^ dat. pl. Fingern.
Das gleiche Gesetz bewirkt den Uebergang der Ableitungssilben ol6n
und [or)6n in lipp. 9ln und orn (vgl. § 121, Anmerk. 1), den Uebergang
der Ableitung arag^ arig in lipp. drx (vgl. § 120, Anmerk. 2) Auch
bei der Composition zeigt es sich wirksam, z. B. beruht darauf die
Form Früud9rk Friedrich (zu as. frifiu und rtki) ; Hainarx Heinrich.
Druck von Breitkopf Ss Härtel in Leipzig.
14 DAY USE
RETURN TO DESK FROM WMICH BOR&OWED
LOAN DEPT.
This book is due on the last date stamped below, or
on the date to which renewed.
Renewect3£kGutOu(jj^g)to immediate recalL
i^^imwj ^PK
LD 21A-50m-3,'62
(C7097slO)476B
General Library
University of California
Berkeley
VC 52747
ivl44922
PF57SI
I4c
THE UNIVERSITY OF CALIFORNIA LIBRARY
^i%%<^<^'
'^■%b^A.
^>M
.»«1
1^''
^>^\
*<">3
hx'
m
f^Ti
KJ^^
' ^%*
St^'^
f^i^'i;^'"-!^
'ä
'.trj
^
V*'-
>.'^'f>